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Jordi Savall mit Mozart: Tränenvollster aller Tage

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Von: Judith von Sternburg

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Jordi Savall im Großen Saal. Foto: Tibor Pluto/Alte Oper Frankfurt
Jordi Savall im Großen Saal. © Tibor-Florestan Pluto

Jordi Savall leitet in der Alten Oper Frankfurt ein eindrucksvolles Mozart-Konzert

Die geplante ganztägige Mozart-Hommage der Alten Oper Frankfurt zum 230. Todestag am 5. Dezember 2021 flog angesichts der Pandemie völlig auseinander. Die zentrale Veranstaltung konnte jetzt aber nachgeholt werden, deplatziert im Mai, andererseits ist immer Grund, an den Tod und an die Toten zu denken. Den Opfern in der Ukraine war nachher die Wiederholung des „Lacrimosa“ gewidmet.

Denn auf dem Programm stand selbstverständlich das Requiem, auf dem Krankenbett und in den Tod hinein komponiert. Mozart konnte das Werk (überhaupt) nicht vollenden. Für jeden, der den Film „Amadeus“ gesehen hat, ist es zwar, als hätte man daneben gesessen, aber in Wirklichkeit sind die Umstände gar nicht so bekannt. Und nur Franz Xaver Süßmayr hatte einigermaßen Anlass zur Behauptung, als Schüler mit dem Komponisten über seine letzte Arbeit gesprochen zu haben. Als Fertigschreiber erwarb er sich einen eigenartigen, aber nachhaltigen Zipfel Weltruhm, vorher gab es schon andere Versuche, anschließend erst recht, und doch ist die Fassung von Süßmayr und Joseph Leopold Eybler – einem ehemaligen Schüler Mozarts, beauftragt direkt von der Witwe – die bis heute gängigste.

Das Leben siegt

Jordi Savalls Version stützt sich ganz darauf, eigen ist sie vor allem durch den konsequenten Versuch, einen Mozartzeit-Ton zu finden. Zu alten Instrumenten kommt ein ganz kleiner Chor, fünf für jede Stimmgruppe, 20 Sängerinnen und Sänger, die zu drei Seiten um das Orchester aufgereiht sind. Hinter ihnen die Blechbläser und der Paukenspieler. Der 80 Jahre alte spanische Musikwissenschaftler, Gambenspieler und Dirigent ist mit dem von ihm und der Sopranistin Montserrat Figueras (1942–2011) gegründeten Kammerchor La Capella Nacional de Catalunya angereist. Auch das Orchester Le Concert des Nations gehört zum Savall-Figueras-Universum, aufeinander eingespielt zu sein führt wie so oft zu einem exquisiten Gesamtklang.

Exquisit aber nicht als ein schröckliches, bombastisches Auftrumpfen wie naturgemäß im Kinofilm, sondern intim, zart, groß allein die Traurigkeit, sehr groß. Ganz schlank das „Dies irae“, delikat die Posaunenpartie für das „Tuba mirum“ und die hoffentlich dann befreiten Seelen im „Domine Jesu“ elastisch wie auf untergeschnallten Spiralen. Lebendigkeit ist das einzige, was der Mensch dem Tod entgegensetzen kann. An einem Frühsommerabend mag das besonders deutlich werden.

Gut darauf abgestimmt das junge Solistenquartett: der engelhafte Sopran von Rachel Redmond, Marianne Beate Kiellands dunkel timbrierter Mezzo, Mingjie Leis milder Tenor und Manuel Walsers Bariton, der sich wie die wunderbaren Blechbläser nicht anschickte, die Lebenden mit dem Tod zu erschrecken.

Im ersten Teil spielte Concert des Nations Mozarts 41. und letzte Sinfonie, genannt die Jupiter-Sinfonie. Hier war Gelegenheit, sich auf den nicht brillanten, aber äußerst spannenden Klang der Instrumente einzulassen. Das Publikum im Saal – lange nicht so voll gesehen – hellauf begeistert.

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