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Jon Spencer & The Hitmakers: „Spencer Gets It Lit“ – Hits unterm Schmiedehammer

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Von: Olaf Velte

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Jon Spencer auf der Bühne in Norwegen.
Jon Spencer auf der Bühne in Norwegen. © imago images/Gonzales Photo

Jon Spencers Raketenbahn führt zu den Hitmakers und einem neuen Trash-Planeten.

Warum nimmt der Mann keine Rücksicht auf sein Alter? Warum wird er nicht mild und zart und weich? Warum diese teuflischen Bilder und Inszenierungen? – Wer gedacht hatte, dass sich Jon Spencer nach dem unlängst verkündeten Aus seiner 25-jährigen Blues-Explosion-Historie zum Barry Manilow der Jetztzeit wandelt, ist in die Irre gelaufen. Auf dem nun erschienen „Spencer Gets It Lit“-Album wird abermals (und doller als je zuvor) auf den vom tosenden Schmiedefeuer umbrandeten Amboss gedengelt, dass die Hörner wackeln.

Der seit Beginn der Achtziger eingeschlagene Musikantenweg lässt dem 57-jährigen Amerikaner keine Wahl. Aufgewachsen ist er inmitten der Bluespunkgesetzlosen von Pussy Galore; seine Raketenbahn führt schließlich via Boss Hog und Heavy Trash zur Hexenmeisterei seines Explosiv-Trios. Um sein neues Triebwerk aufzuladen, nimmt er all jenes aus der konsequent unbequemen Vergangenheit, was zündet, dampft, kracht.

Mit dem Gespür des wahren Verführers hat er die passenden Schmiedegesellen in seine verrußte Werkstatt geladen. Während M. Sord hinter das Schlagzeug-Set klettert, belädt Sam Coomes – Allround-Underground seit Menschengedenken – sein Tasten-Sortiment mit unselig-gruseligen Zauberformeln. Wenn die irrsinnige Orgel durch den Auftakt-Kracher „Junk Man“ bollert, wird Ahnung zu Gewissheit: Hier braut sich etwas zusammen, vor dem uns schwindelt.

Nicht verschwiegen werden soll die Anwesenheit von Bob Bert, des einstigen Trommel-Chefs in Reihen von Sonic Youth und Pussy Galore. Der New-Jersey-Berserker ist das Trumpf-As in Spencers gezinktem Kartenblatt, türmt ohne Mitleid sein Altmetall auf, schlägt gnadenlos darein, rhythmisch versiert allemal. Die im Sommer vergangenen Jahres aufgenommene Krawall-Orgie hat in letztgültiger Fassung ein Minimalgewicht von 13 lastenden Stücken (die CD enthält noch zwei Rock-Brocken als Bonus-Kopfnüsse).

Lautstark ist der Trip, geboren im Chaos, einer höheren Ordnung anheim gegeben. Den Hitmakers ist Melodisches suspekt, Hitpotenzial sowieso. Wenn Jon Spencer „My Hit Parade“ auf einem Rockabilly-Teigsockel anrührt und anschließend zermanscht, dann geht es eher um vormalige Darlings, das oft besungene „Baby“. Komik ist da, Ernst auch. Begleitet von Synthi-Brummen und Metall-Geklöppel werden die „Worst Facts“ auf den Prüfstein gelegt, um mit dem durch den Verzerrer gewuchteten „Bruise“ ein resümierendes „Set yourself free“ auszurufen.

Harsch, wild, wüst

An der Tagesordnung sind harsche Tempowechsel, wilde Effektgerät-Einsätze, mehrstimmige Choräle, selbstverständlich die wüsten Gitarrenriffs des Hausherrn mitsamt theatralischer Stimmakrobatik. Im Herzen des Schmiedegottes aber pulst es funky – „Do the James Brown“, heißt es verheißungsvoll im mahnenden „Get Up & Do It“.

Jon Spencer, der einfach und kompromisslos weitermacht, verfügt über ein ungeheures Spektrum an Materialien, die es neu zu denken und auszuhärten gilt. Trash und Fuzz dürfen dabei ebenso eingeschmolzen werden wie Surf, Rock’n’Roll, Blues, Disco, Punk. Eine Kostprobe haben Spencer, Coomes und Sord bereits vor vier Jahren mit dem Wahnsinnswerk „Spencer Sings the Hits“ abgeliefert.

Dort wie hier zieren die Barbarella-Girls der US-Comic-Künstlerin Katie Skelly eine knallbunte Albumverpackungswelt, in der es viel zu bestaunen gibt. Dämonisch wie der im pelzverbrämten Königsmantel posierende Ober-Hitmaker ist auch der Untertitel dieser schockierenden Sammlung: „All Your Favorite Far-Out Hits In One Convenient Party Package“.

Jon Spencer & The Hitmakers: Spencer Gets It Lit. Bronzerat / Pias-Rough Trade.

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