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Johnny Marr: „Fever Dreams Pts 1 – 4“ – Schillernde Songs, die dahingleiten

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Johnny Marr, hier in Roskilde, 2019.
Johnny Marr, hier in Roskilde, 2019. © imago images / Ritzau Scanpix

Johnny Marr präsentiert auf „Fever Dreams Pts 1 – 4“ seinen eigenen Magischen Realismus. Von Jens Buchholz

Die Smiths? Das war doch diese Band mit Morrissey und den drei anderen. Und keine Frage, der charismatische Texter und Sänger war stilprägend für die nostalgische Optik und Poetik dieser einflussreichen britischen Band. Andererseits darf man nicht vergessen, dass die Melodien aller Smiths-Songs von einem der drei anderen stammen, nämlich von dem Gitarristen Johnny Marr. Und Marrs Stil ist einzigartig.

Der kreative Prozess der Band wird in Simon Goddards Buch „Songs That Saved Your Life“ so beschrieben: Morrissey schrieb seine Texte und gab sie an Marr weiter. Ein normaler Songwriter hätte jetzt nach dem Versmaß des Textes eine Melodie mit Strophe, Refrain und Zwischenteil gebastelt. Aber nicht Johnny Marr. Er kreierte vielschichtige, melodiöse Akkordstrukturen, deren harmonische Eingängigkeit ihre Komplexität federleicht erscheinen ließ. Im Studio häufte er dann Gitarrenspur auf Gitarrenspur, ohne dass sich das Arrangement überladen anhörte. Die Songs wären in dieser Form auch als Instrumentaltitel durchgegangen. Dann kam Morrissey dazu und sang. Die Smiths zerbrachen 1987 nicht zuletzt an Morrisseys reaktionärer Ablehnung der aufkommenden DJ- und Dancefloorkultur. Denn Marr folgte dieser Szene mit Begeisterung.

Das Album

Johnny Marr: Fever Dreams Pts 1 – 4. New Voodoo Records.

Während Morrissey zum erfolgreichen Solokünstler wurde, dümpelte Marr vor sich hin. In den 90er Jahren gründete er mit Bernard Sumner von New Order das Projekt Electronic. Auf drei großartigen Alben erweiterte er seinen musikalischen Kosmos. So hätten die Smiths der 90er Jahre klingen können! Daneben war er als Gastmusiker auf unzähligen Aufnahmen zu hören. Wunderschön ist sein sanftes, an dem Original-Bond-Gitarristen Vic Flick orientiertes Gitarrenspiel auf dem Oscar-preisgekrönten Bond-Song „No Time To Die“ von Billie Eilish.

Seit den 2010er Jahren ist er mit wachsendem Erfolg als Solokünstler unterwegs. Jetzt ist sein viertes Album erschienen. „Fever Dreams Pts 1 – 4“ heißt es. Ein sattes Doppelalbum. Wieder mit dabei ist sein musikalischer Sidekick James Doviak, mit dem er auch die Songs schreibt. Ähnlich wie in den Neunzigern mit Bernard Sumner, hat er mit ihm zu einem ganz eigenen, elektronischen und trotzdem organischen Sound gefunden. In einem Interview zu seinem letzten Album nannte Marr diesen Sound seinen eigenen „Magischen Realismus“.

Seine Art des Komponierens hat sich verfeinert. Die Gitarre steht weiterhin im Mittelpunkt. Auf ihrem schillernden Sound gleiten die Songs dahin und münden oft in clever gesetzte Hooklines. Aber Marr hat sich auch als Sänger entwickelt. Vielleicht auch, weil er inzwischen allerlei digitale Spielereien entdeckt hat, mit denen er seinen Gesang bearbeiten kann.

Schon der erste Song „Spirit, Power and Soul“ ist in seiner Fiebrigkeit absolut hypnotisch. Und auch in „Receiver“ zieht Marr die gnadenlose Rhythmik des ersten Songs weiter durch und reichert sie mit symphonisch klingenden Gitarren an. Beim Eröffnungsriff von „All These Days“ ist man sofort inmitten eines behutsam modernisierten Smiths-Sound. Aber man vermisst Morrissey keine Sekunde. Ähnlich ist es in dem durch Sylvia Plath inspirierten Song „Ariel“, in dem sich das auf einer zwölfsaitgen Gitarre gespielte Riff auf einem rhythmischen Bass niederlässt und Marr ein nie gekanntes Charisma als Sänger entwickelt. Nebenbei zitiert er noch ein bisschen Bill Withers. Großartig auch der atmosphärische Chor auf „Lightning People“. „Fever Dreams Pts 1-4“ ist Johnny Marrs gelungenstes Soloalbum bisher. Ein Künstler, der sich treu bleibt, ohne zum Nostalgie- oder Retroact zu werden.

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