John Scofield beim Jazzfestival in Newport.
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John Scofield beim Jazzfestival in Newport. 

John Scofield

John Scofield „Swallow Tales“: Durchdacht und durchlebt

  • vonHans-Jürgen Linke
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John Scofields „Swallow Tales“ handelt von guten alten Geschichten.

Am besten hört man das alles gleich noch einmal. Zumindest, wenn man mehr darüber erfahren will, was daran so magnetisch ist – schließlich können, wenn von Musik ein Magnetismus ausgeht, die Gründe dafür kompliziert sein.

Auf den ersten Blick sieht die Sache überschaubar aus: Ein Jazz-Trio mit einem Gitarristen (John Scofield, Jahrgang 1951), einem E-Bassisten (Steve Swallow, Jahrgang 1940) und einem Schlagzeuger (Bill Stewart, Jahrgang 1966) spielt Stücke des Bassisten.

Man könnte jetzt im Jazz-Lexikon blättern und erzählen, was Scofield, Swallow und Stewart in ihrem Leben schon so alles gemacht haben und mit wem. Dann wäre man einigermaßen informiert über einige wesentliche Ruhmestaten der Vergangenheit und über die Erlauchtheit dieses Trios; das würde immerhin vielleicht schon einiges erklären.

Dann wäre der Klang an der Reihe. Das Trio klingt auf eine berückende Weise klassisch, subtil, lässig, geschichtsbewusst und voller Liebe für die schönsten Eigenschaften der Liedform, als da wären Melos, Mitteilsamkeit, gemessenes Virtuosentum im Dienste der inhaltlichen Qualitäten. Wobei „klassisch“ nicht nur konsensfähig bedeuten soll, sondern vor allem formal durchdacht und durchlebt und auf nicht exaltierte Weise reif und souverän.

Wie John Scofield seine Gitarre klingen lässt, mit langen legato gespielten Melodiebögen, gleichwohl nahe am Steg angerissenen, also metallisch klingenden Saiten und behutsam verwendetem Verzerrer, das ist wiedererkennbar, aber nie klischeehaft. Er setzt Sound-, Tempo- und Rhythmus-Variationen so wirkungsvoll ein, dass sie immer als Bereicherungen der melodischen Qualitäten erscheinen, nie als Ausweichbewegungen oder aufgepfropfte Effekte.

Steve Swallow spielt seit je den E-Bass wie eine tiefe Gitarre. Die Rhythmik, für die der Bassist im Trio fast unausweichlich mit zuständig ist, geschieht voller Präzision, aber wie nebenher bei der Konzentration auf harmonische und melodische Bewegungen; der Klang ist weich, voluminös und manchmal ein wenig melancholisch.

Impulse mit auf den Weg

Bill Stewart ist ein behutsam kontrapunktisch agierender Schlagzeuger, der nicht einfach swingend auf den Becken klingelt, sondern klanglich bereichernd agiert, den beiden anderen ständig eigene Impulse mit auf den Weg gibt und sie nie nur in Ruhe lässt.

Dass die Musik bei dieser komplexen Zusammenarbeit beneidenswert entspannt wirkt, macht einen guten Teil ihres Magnetismus aus und hat die Ursache womöglich auch in langjähriger freundschaftlicher Vertrautheit. Vor allem Swallow und Scofield kennen sich aus älteren Zeiten, in denen Swallow am Berklee College in Boston lehrte und Scofield dort studierte; das war vor fünf Jahrzehnten. Scofield erwähnt, dass sie Swallows Stücke schon oft zusammen gespielt haben, dass auf seinen Alben aber eher eigene Kompositionen vorkommen. Ein ganzes Album mit Steve Swallows Songs ist also einerseits etwas Neues, greift aber zurück auf eine lange gemeinsame Tradition und verleiht der dreifachen Spielfreude eine Tiefe und Reife, die ohne solche alten Geschichten wahrscheinlich nicht zu haben gewesen wäre.

So kann musikalischer Magnetismus entstehen.

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