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Sein Blues ist ein Argument: John Mayall, hier 2012.

Blueslegende

John Mayall auf Tour

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John Mayall ist auf Europatournee. Sein neues Album hat der 83-Jährige dabei.

Ortsunkundiger, kommst du nach A., kam dir mit seinem Ortsschild bereits Aschaffenburg entgegen. Aufgenommen wurdest du mit schneisenartiger Verkehrsführung, nur hinein in die gute Stube der Stadt, mit City-Parkhaus und drahtiger Sitzbank, darauf ein vertrauenswürdiges Paar. Wo es denn wohl zum „Colos“ gehe?

Und schon begleiten dich die besten Wünsche. Immer geradeaus!

Aber noch eine Frage, hörst du im Rücken: Und wer spielt heute dort?

John Mayall, so rufst du über die Schulter.

Und du hörst, wiederum im Rücken, wie ein Echo: John Mayall! Dabei hat der Name einen Klang, als würde noch am heutigen Abend ein Gesegneter niederfahren in die Stadt A. – für den, keine 333 Schritte geradeaus, Schlange gestanden wird, gut aufgelegt. Körpergewicht wird mal auf dem einen, mal auf dem anderen alten Bein ausbalanciert, Bandscheiben werden gedehnt. Schlange stehend vor dem Eingang des „Colos“ in Aschaffenburg, ist der Blueskundige animiert durch Erinnerung.

Weißt du noch?

Ja, ich weiß.

Dann sag aber auch an, welche ist seine Beste? „Turning Point“? Etwa weil’s 1970 war, weil’s programmatisch hieß, dass all die schäbigen Gesetze geändert gehören. Oder war es das sagenhafte Album, mit dem Mayall schon 1966 einen Eric Clapton in den Vordergrund rückte. 50 Jahre her, dass „Slowhand“ durch Meister Mayall ein geförderter Mann wurde. Nur der? Es sind Kenner, die vor dem Eingang des „Colos“ Namen fallen lassen wie Schwergewichte.

Namen?

Werturteile!

Die auf Begnadete verweisen, auf Frühvollendete. Auf Frühverstorbene, niedergestreckt vom Blues.

An dem Tag, an dem John Mayall im bayerischen A. auftritt, um die Stadt Aschaffenburg für einen Abend zu einem Wallfahrtsort des Blues zu machen, ist er 83 Jahre alt. An dem Abend, an dem er sich nach einem enormen Konzert von einem beglückten Publikum verabschiedet, ist die lebende Legende nicht nur das. Mayall hat Etiketten genauso abgelegt wie Outfit.

Verabschieden wird er sich mit einer Zugabe, „Room To Move“, sein vielleicht größter Hit wird nicht nur einen Raum in Bewegung versetzen. Blues wurde durch Mayalls Mundharmonika Brodem.

Hundert Minuten steht ein Mann mit weißen Haaren auf der Bühne. Kein Zopf mehr, aber Zöpfe im Publikum. Kein Lederstirnband, aber viel Leder im Raum. Mit Mayall spricht kein verbissener Bluesrocker vor im Club, auch kein grimmiger Funktionär einer Lebensweise, vielmehr im luftigen Hemd eine Ikone, die sich zum eigenen Image fast schon lausbübisch verhält. Er macht einen Joke: Nein, eine Nebelmaschine, auch wenn es aus der Bühnenecke wabert, wäre so überflüssig wie lächerlich.

Um die Dinge von vorneherein anzusprechen, spielt er sogleich den Titelsong seines neuesten Albums an, „Talk About That“, energisch geht es durch ein Leben, geschaffen für Höhen und Tiefen. Wie sehr es dabei mit dem Teufel zugeht und der sich einen Ast lacht, erzählt auf seinem Album ein weiteres Stück („The Devil Must Be Laughing“), das einem Gitarrensolo von Joe Walsh Raum gibt, breit und elegisch. Denn kein überwältigender Kummer ohne Kitsch auch: So viele Tode, ungezählt das Sterben der Unschuldigen. Kein satanisches Lachen ohne sardonische Fratze.

Wehmut auf der Gitarre ist unabwendbar. Und doch ist die Stellung des Gitarristen antastbar, hätte Mayall sonst seinen Gitarristen erst kürzlich, von einer Stunde auf die andre, vor die Tür gesetzt? Zu dritt sind sie auf Tournee durch Europa. Mayall stellt Bassist Greg Rzab und Schlagzeuger Jay Davenport, beide aus der Welthauptstadt des Blues, Chicago, als sein „Orchester“ vor.

Von Beginn an ergreift das Trio die Gelegenheit, um eine verschworene Dreiheit zu beschwören. Rzab haut mal rasch ein Solo raus, Davenport legt, ohne die Miene zu verziehen, nicht bloß brav ein Fundament. Mayall schaut dem wohlgefällig zu wie ein Erziehungsberechtigter, dem die Erziehung wohlgeraten ist.

Denn wie viele Begabte hat er herangeführt ans Schwermutfach. Kinder und Kindeskinder wurden Größen, über die die Menschheit vielleicht noch eine ganz schön lange Zeit sprechen wird. Von Gitarrenheroen wie Peter Green, Eric Clapton, Walter Trout. Von Bassisten wie Jack Bruce oder John McVie. Von Schlagzeugern wie Mick Fleetwood, Jon Hiseman oder Keef Hartley. Allein die drei begründeten begnadete Bands. Schon 1970, bei Erscheinen von „The Turning Point“, sprach der Boss, drumherum war längst blöde Hektik ausgesprochen, den Satz: „Wir spielen den Blues seit zweiundzwanzig Jahren, und das ist eine ganz schön lange Zeit.“ Mit 17 die ersten Auftritte in der Geburtsstadt Manchester, ein Trio damals machte im proletarischen Milieu vor, was Blues heißt. Immer geradeaus, dabei Dasein schwer schleppend.

Seit den Kindertagen des britischen Blues ist er nicht mehr nur Schicksal für Schwarze, sondern eine auch „weiße“ Lebensentscheidung. Blues ist aber nicht nur Lebensart, ist obendrein fundamentale Wesensart. Wer den Blues so wie Mayall gelebt hat, der weiß, das Blues heißt: durchbeißen, mag er dazu auch das Keyboard, wie am Abend von Aschaffenburg, sanft betupfen. Mag der Funk die herrschenden Akkorde auch ein wenig auflockern, wenn (im Song) erst mal nach Mitternacht ist, und das Warten einsetzt, und wenn der Worte genug gemacht sind, setzt das Klagen der Gitarre ein. Es ist auf dem Album ein Stöhnen, als wollte es weidlich um die Häuser ziehen.

Ja, auch Mayalls Blues ist Wille zum Pathos, doch bei aller Ironieferne ist auf der Bühne doch immerhin eine Lässigkeit durchtrieben am Werk. Das Schlagzeug legt federnd Fundamente für garstige Schicksale. Im Soul sucht der irdische Blues jenseitig Halt, ein Boogie lockert das Unerbittliche auf. Immer geradeaus. So wird was Großes draus.

Dem Publikum wird wohl, Leiber wogen. Du lehnst an einer Wand, erleichtert über eine solche Stütze. Gesunde Rückendeckung. Direkt vor dir wippt dir ein Hinterkopf seinen verfilzten Zopf ins Gesicht. Ja, Blues kann auch lausig sein. Aber ausverkauft das Haus. Männer, die der Durst entsetzlich durstig macht, haben direkt über deine Füße hinweg ihren Trampelpfad ausgemacht. Pausenlos spielt Mayall, unaufhörlich treten die Durstigen direkt vor dir die Fährte zu ihrer Tränke platt. Mayalls Mundharmonika beklagt beredt. Eloquent, wie er sein Instrument weiterhin zu Wort kommen lässt über die Liebe einer Verflossenen, suchen Frauen Halt am Mann.

„Do I please you?“

Mitteilsam wird im Gedränge die Körpersprache. Mayalls Blues bedeutet erhitzte Gesprächsbereitschaft.

Sorry.

Dafür nicht.

Auch in Mayalls Blues stehen die Probleme Schlange. Kolossal türmen sich die Dinge, Dasein ist eine bleischwere Herausforderung. Das muss nicht bedeuten, dass an den Menschen an diesem Abend Gewichte sinnlos hängen. Was sicherlich damit zusammenhängt, dass Mayall, so todtraurig der eine oder andere Song auch sein mag, ein frohgemuter Conferencier ist. Der alte Mann zeigt sich aufgekratzt, er ist aufgelegt zum Sex-Scherz. Er sei ein „sucker for love“, und so ein Kerl saugt aus der Liebe nicht bloß Honig.

Mayall zelebriert nicht Weisheiten, sondern führt ein in Wirklichkeiten. „Oh, pretty woman“! Hör mal, du Schöne, was geht ab? Immer geradeaus! Grienend lässt Rzab den Basslinien unendlich freien Lauf. Einmal, nach einem seiner tief schürfenden Soli, nimmt er den Applaus des Publikums huldvoll entgegen, den Körper seines Instrumentes zart küssend.

Mit Mayall selbst steht aber an diesem Abend eine Ikone regelrecht un-ikonisch auf der Bühne, und während des Konzerts nicht einmal an der Rampe. Er spielt sein Keyboard, macht aus ihm Klavier und Xylophon, auch eine Orgel, etwas sämig, etwas schmalzig. Und wenn er neben das Instrument tritt, dann um sich die Gitarre umzuschnallen, die er, unübersehbar, mit feingliedrigen Fingern bespielt oder mit schmalen Händen beharkt. Mayall erweist sich als ein Konditionswunder, allein die Stimme, das Organ, das auf die körperliche Anstrengung unüberhörbar reagiert, verliert im Laufe eines großen Konzerts an Kraft.

Und doch, als Zugabe, der alte Hit, noch immer ein Smash-Hit: „Room To Move“. Es ist eine Botschaft, die der alte Mann durch seine Mundharmonika aussendet. Und es ist ein langer Atem, der den Blues beatmet. An diesem Abend von Aschaffenburg, in dem Alter, in dem Mayall war, wurde aus einem Club ein wogender Raum, bewegt von einer langen Zeit, die allerdings stillstand.

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