Die Beatles, (l-r) George Harrison, Paul McCartney, John Lennon und im Hintergrund am Schlagzeug Ringo Starr, treten im Circus Krone-Bau auf.
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Die Beatles, (l-r) George Harrison, Paul McCartney, John Lennon und im Hintergrund am Schlagzeug Ringo Starr, treten im Circus Krone-Bau auf.

Dreifaches Jubiläum

John Lennon: Heute hätte er seinen 80. Geburtstag gefeiert

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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50 Jahre ist es her, dass sich die Beatles trennten, 40, dass John Lennon erschossen, und 80 Jahre, dass er geboren wurde. Drei Lennon-Jahrestage in einem Jahr.

  • Der verstorbene Musiker John Lennon feiert 2020 gleich drei Jahrestage.
  • Lennon wurde als Mitgründer, Sänger und Gitarrist der britischen Rockband The Beatles weltberühmt.
  • Vor 80 Jahren wurde John Lennon geboren.

New York – Im August hat Mark David Chapman zum elften Mal um Begnadigung ersucht, zum elften Mal vergeblich. Er wird, das steht damit fest, länger im Gefängnis sitzen, als sein Opfer gelebt hat. Wer weiß, vielleicht wäre ein anderer Mörder früher rausgekommen aus dem Knast. Aber dieser Mörder hat John Lennon erschossen. Zumindest die Musikwelt wird ihm, bei aller Barmherzigkeit, niemals verzeihen können.

Liverpooler Musiker: Drei bedeutende Jahrestage im Leben von John Lennon

Kaum auszumalen, was das für ein Fest geworden wäre an diesem Freitag, dem 80. Geburtstag des berühmtesten rechtshändigen Liverpooler Musikers, lebte er noch. Vielleicht wäre der berühmteste linkshändige Musiker Liverpools, Paul McCartney (78), zum Fest gekommen. Vielleicht hätten sie zusammen mit dem berühmtesten sitzenden Musiker Liverpools, Ringo Starr (80), ein paar Songs gespielt. Es wird einem ganz warm ums Herz. Und der zweitberühmteste tote Musiker Liverpools, George Harrison (77), hätte aus dem Himmel eine weinende Gitarre beigesteuert.

Vielleicht wäre sogar die Welt eine friedlichere, müsste sie nicht schon seit so langer Zeit auf ihren Friedensvorsänger verzichten. 2020 runden sich drei bedeutende Jahrestage aus dem Leben John Winston Lennons. 50 Jahre ist es her, dass sich die Beatles trennten, 40, dass er erschossen und 80 Jahre, dass er geboren wurde. Seine Eltern gaben ihm Churchills Vornamen mit auf den Lebensweg, es war ja Krieg, und kümmerten sich fortan mehr um sich selbst. John wuchs bei seiner Tante auf, aber das wissen wir ja alles spätestens seit seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag oder seinem fünfzigsten oder seit dem furchtbaren Tag im Dezember 1980, als Chapman vor dem Dakota Building in New York wartete, um Lennon zu töten.

Lennons Tod: Chapmann steht nicht als einziger Attentäter unter Verdacht

War es tatsächlich Chapman? Die Frage wirft Lesley-Ann Jones auf, eine britische Journalistin. Sie hat gerade das Buch „John Lennon – Genie und Rebell“ (Piper Verlag) veröffentlicht. Im englischen Original heißt es: „Who killed John Lennon?“ Sie zitiert den BBC-Kollegen Andy Peebles, der das letzte Fernsehinterview mit dem Musiker führte: „Warum wirkte Yoko nach Johns Tod so viel glücklicher?“ Der neue Liebhaber von Lennons Frau Yoko Ono sei noch in der Todesnacht in ihr Apartment eingezogen, werde behauptet. Und wo waren die Leibwächter an jenem Abend? Und warum stiegen John und Yoko vor dem Haus aus dem Auto, wo Chapman wartete, statt wie gewohnt in den geschützten Innenhof zu fahren? „Die Schüsse des Attentäters haben sein Schicksal nur endgültig besiegelt“, schreibt Jones in der breit angelegten Biografie. Es gebe mehr als nur eine Wahrheit.

John Lennon.

Zu surreal: John Lennons Tod bringt die Welt kurzerhand zum Stillstand

Wer schon immer zu jung war, um die ganz Großen live erlebt zu haben – na gut, die Rolling Stones schon, aber die haben ja beschlossen, stur weiterzurocken auf der Titanic namens Erde, bis sie demnächst untergeht – wer also beispielsweise erst sechzehn war im Jahr 1980, der erinnert sich an trauernde Mädchen vor dem Schultor. Sie weinten im Februar um Bon Scott, den Sänger von AC/DC, der mit 33 nach einer Sauftour umgekommen war. Es wurde Sommer in jenem Jahr, es wurde wieder kalt, und im Dezember saßen wir versteinert im Klassenzimmer. Für John Lennon flossen keine Tränen, sagt die Erinnerung. Es war zu surreal. Es war unfassbar.

Heute staunen die Älteren oft darüber, dass Teenager die Songs von einst so sehr schätzen. Nirvana, Pink Floyd, Led Zeppelin sogar – manche Erstsemester kennen sich in den 70er, 80er Jahren besser aus als die Originalzeitgenossen. Das ist umso erstaunlicher, als die Menge und Verfügbarkeit von Musik ja ständig exponentiell wuchs. Wer dagegen in den frühen 70ern lernte, mit einem Plattenspieler umzugehen, hatte zunächst einmal das zur Hand, was das Taschengeld hergab. Sechs Mark eine Single. 19,99 Mark die neuste Zusammenstellung der aktuellen Hits von K-Tel oder Arcade. Letzteres war nach der kühlen Elternrechnung das bessere Geschäft. Man hatte 20 Songs für 20 Mark statt zwei Songs für sechs. Aber wer hatte 20 Mark? Was man hatte, war die Plattensammlung der Eltern, die kostete gar nichts und enthielt immerhin Elvis, Cliff Richard und: die Beatles.

John Lennons Songs prägten das Niveau der kommenden Musik

Kaum eine Schallplatte wurde wohl jemals derart bis an den Rand der Fadenscheinigkeit heruntergespielt wie die Hörzu-Ausgabe des „Help!“-Albums aus dem Jahr 1965. John Lennon schrie einen sofort um Hilfe an, vermutlich weil der halbwüchsige Hörer das Vinyl schon wieder mit dem Zehn-Platten-Wechslerbügel und anschließend mit der Tonarmnadel gequält hatte. Jedes der 14 Lieder auf der Platte ist bis heute wie eine warme Badewanne, Kratzer hin, Kratzer her.

Später wuchs die eigene Plattensammlung um alles, was es von den Beatles gab. Die größten Augen und Ohren entstanden an langen Nachmittagen mit den Lennon-Songs „Strawberry Fields Forever“, „A Day In the Life“ und „Lucy In the Sky With Diamonds“. Erst ungläubiges Kopfschütteln, später implodierende Begeisterung. Paradox: Ohne diese Kompositionen wären viele Boomer als Musikhörer vermutlich auf dem Niveau von Bands wie The Sweet oder Smokie stehengeblieben. Dabei waren Lennons Diamanten aus der Beatles-Zeit viel älter.

Andere Botschaften: John Lennon singt für Frieden und Gerechtigkeit

Sie glänzten weiter, als er sich solo und mit seiner Frau Yoko Ono auf den Weg machte. Die neuen Songs hatten gar nichts mehr von den früheren Soundexperimenten. Es ging nun um Botschaften. Es ging John Lennon nun nicht mehr um rückwärts abgespielte Streichorchesteraufnahmen und radikale Rhythmuswechsel, es ging darum, dem Frieden eine Chance zu geben, es ging um Gerechtigkeit. Wir sangen in unseren abgeschabten Jugendzimmern seinen „Working Class Hero“ zur Klampfe. Aber dann übernahmen Punk und New Wave erst einmal die Regie bei den Boomern.

„The Beatles“ auf dem Vorplatz des Buckingham Palace, nachdem sie von Königin Elisabeth II. empfangen wurden.

Interessanterweise war es ein Lied der B-52’s, „Rock Lobster“, im weitesten Sinne dem Wave-Spektrum zuzurechnen, das John Lennon nach fünf Jahren Albumpause wieder inspirierte. „Double Fantasy“ erschien im November 1980, zuvor schon die Single „(Just Like) Starting Over“, die sich inhaltlich um einen Neustart mit Yoko Ono drehte. Für den Januar 1981 plante er Aufnahmen mit Ringo Starr, für das Frühjahr eine Tournee mit Yoko. Dann kam Chapman.

Nicht nur eine Wahrheit: Das Leben und der Tod von John Lennon bleiben ein Rätsel

Im März 1981 wurde „Watching the Wheels“ ausgekoppelt, das fünfte Stück auf „Double Fantasy“. Lennon singt: „Ich sitze nur hier und sehe zu, wie sich die Räder drehen und drehen. Ich liebe es wirklich, ihnen dabei zuzusehen. Kein Ritt mehr auf dem Karussell. Ich musste einfach loslassen.“ Es gibt nicht nur eine Wahrheit. Drei Lennon-Jahrestage in einem Jahr. Nicht die schlechteste Idee, den einzig guten der drei zum Anlass eines langen Zeitungsartikels zu nehmen. It’s your birthday, John. Und irgendwie ist es auch unserer. (Von Thomas Stillbauer)

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