Die „Cool“-Spange gebührt ihm auch: John Craigie. Bradley Cox

Musik

John Craigies „Asterisk the Universe“: Nomaden der Pazifikküste

  • Olaf Velte
    vonOlaf Velte
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Folk, Motown und JJ Cale: John Craigie erweist sich auf seiner neuen Platte als Allround-Talent.

Was hätte aus dem Mann werden können! Als studierter Mathematiker und Enkel eines Air-Force-Generals war eine glänzende Karriere programmiert, hätten Fallhöhen von Weltmächten bis zur letzen Kommastelle berechnet werden können. Stattdessen: Sich von Nirvana und Arlo Guthrie beeinflussen lassen, Hippie-Phase absolvieren, jahrelang durchs Land tingeln, als singender Liederschmied auf fremden Matratzen nächtigen.

Mittlerweile hat John Craigie ein gutes Dutzend an Veröffentlichungen im Rücken, gilt in den Staaten als versierter Bühnenmensch mit Allround-Talent und grimmig-ironischen Songtexten. Gerade ist sein siebtes Studio-Werk unter der Überschrift „Asterisk the Universe“ erschienen, ein – um es vorweg zu nehmen – famoser Streich inklusive Band-Begleitung und mindestens drei potenzieller Hit-Singles. Auf Folk und lyrikbetont-reduzierte Komposition ist der 40-Jährige längst nicht mehr festgelegt.

Hier beginnt alles mit „Hustlin’“, diesem idealen, so abgeklärten Einstieg in einen Musikkosmos, dessen ungezwungenes Jammen von 70er-Reminiszenzen raffiniert durchwürzt ist. Dass wir einem Kenner der Materie zuhören, steht außer Frage: Vor acht Jahren hat Craigie ein akustisches Album mit Led-Zeppelin-Stücken aufgenommen – um auf unerhörte Weise die Klasse des Materials zu demonstrieren. Auf dem 2020er Tonträger ist es eine Version von JJ Cales „Crazy Mama“, die den Pfad ebnet.

Entspannt eingespielt sind die meisten der zehn Songs, etliches darf durchaus mit der „Cool“-Spange geehrt werden. Und Überraschungen bewahren vor Langeweile: „Don’t Ask“ ist eine Lokomotive mit Motown-Dampfkessel und großer Spurbreite. Überhaupt sind die hier versammelten Musiker – als lokale Akteure ausgewiesen – mit allen stilistischen Winkelzügen vertraut. Die fünf Burschen können ein Dylan & The Band-Feeling ebenso in den Raum stellen wie Swamp-Funk-Laune oder Soul-Hop-Freisinn.

John Craigie: Asterisk the Universe. Zabriskie Point Records – Thirty Tigers / Membran.

In „Climb Up“ wackelt die Provinz-Disco, dass es eine Schau ist, beim umwerfenden „Don’t Deny“ manövriert sich die neue Rolling Thunder Revue in eine Gegenwart, in der auch von „American Meanness“ die Rede sein muss. Lassen Sie sich von der im Retro-Schick hingegossenen Dame auf der Albumverpackung nicht täuschen – im Inneren sind andere Frauen maßgebend. Die Rainbow Girls gestalten nicht nur den stimmlichen Hintergrund mit allerlei chorischen Preziosen, sie haben den Sessions auch ein Heim – die eigentliche Seele – gegeben.

Der Pazifik rhythmisiert

„Asterisk the Universe“ hat seinen Ursprung in der kalifornischen Bodega Bay, im Norden eines Landstrichs, aus dem all diese Leute hier stammen. Die Hütte der Girls ist küstennah platziert, der Pazifik rauscht und rhythmisiert. Ein Ort, von mythischer Wucht, an dem solche Platten entstehen können. „We ate California food, drank California wine and smoked California weed“, sagt Craigie.

Und bringt sein Dasein als fahrender Sangesmann auf den Punkt: „I’ve been sneaking into clubs, singing my shit / I don’t know how I’m still alive, but I ain’t dead yet.“ Nachdenklichkeit und Überschwang halten sich die Waage auf diesem – ja, doch – Sommeralbum. Nicht von ungefähr erinnern die 37 Minuten an „People Are My Drug“, jene spirituelle Groove-Kirmes von Phil Cook aus dem August 2018 (die FR hat berichtet).

John Craigie jedenfalls hat „Nomads“ an das Ende seiner Neuerscheinung gestellt, gewidmet all den Folk-Wanderern und deren Schutzheiligen. „We’re moving forward, children, from now on.“

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