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Jörg Widmann mit dem Ensemble Modern: Die perfekte Version

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Von: Bernhard Uske

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Das Ensemble Modern mit Jörg Widmann im Mozart-Saal der Alten Oper Frankfurt.
Das Ensemble Modern mit Jörg Widmann im Mozart-Saal der Alten Oper Frankfurt. © ROLF OESER

Schlichtweg brillant: Jörg Widmann dirigiert das Ensemble Modern.

Sechs Widmann-Werke standen auf dem Programm des Ensemble-Modern-Abends im Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt. Mit „Liebeslied“(2010) begann das Konzert doch als zehnminütiges rein instrumentales Kräftemessen, Zusammenprallen, Aufgewühltsein. Hellwach und erst zuletzt sich in einen Hauch schwebender Leichtigkeit wandelnd.

Phänomenal gelingen dem gebürtigen Münchner solche immer fasslich bleibenden Verdichtungen und Wechselhaftigkeiten im kammermusikalischen Bereich; in griffiger Plastik und in wunderbar charakteristischer Tektonik bei oft fast sensualistischer Feinheit. Während im orchestralen Bereich und dem der Oper die Tendenz zu klumpigen und breiigen Überlastungen bestehen kann.

Vielleicht ist es auch den jeweiligen Dirigenten und Dirigentinnen geschuldet, wie klanglich aufgelöst und in attraktive Verbindung gebracht die akustische Erscheinung ist. Hier dirigierte Widmann selber, und das Ergebnis war schlichtweg brillant. Selbst ein Werk wie „Tartaros“ (2022) klang bei aller Brachialität und Lautstärke der manischen und hämmernden Wüstenei artistisch gebannt. Im Übrigen fast wie eine Parallelaktion zum russo-sowjetischen Futurismus eines Alexander Mossolov und dessen „Eisengießerei“. Wie ein Schumann der Neuen Musik wirkte Widmann bei seinem „Quintett“ (2006): 18 Miniaturen, die eine reich differenzierte Visualität heraufbeschwören konnten. Und mit „Freie Stücke“(2002) erhielt man Einblick in den Baukasten formidabler Kreativität mit Prototypen der klingenden Widmann-Syntax. Dazwischen hörte man „Volta“ (2022): eine Art fünfsätzige Fortschreibung der Mikrotektonik Anton Weberns, mit der der 25-jährige Guillem Palomar aus Barcelona die Aufmerksamkeit fesselte. Eine erhabene und in Clustern driftende, 20 minütige Klangwolke schufen Juste Janulytes „Sleeping Patterns“ (2022): ein spektrales Spektakel in größter Gelassenheit, das der 40-jährigen Litauerin hier gelang.

Das Nach(t)konzert machte mit Widmann als Schöpfer vokal dominierter Formen bekannt. Blendend entsprach die Sopranistin Sarah Aristidou seiner musikalischen Spannweite und auch der Weite seines literarischen Horizonts (Sphinxen- und Rätselkanons sowie Lyrik von Diana Kempff). Wie gut dem EM die Widmann-Kur in Werk und Dirigat tat, belegte sein klingendes Profil, das man selten so gut artikuliert und ausgehört erlebt hat.

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