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Jochen Distelmeyer in der Brotfabrik: Ein süßer Abend

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Von: Martin Benninghoff

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Jochen Distelmeyer, fein lächelnd.
Jochen Distelmeyer, fein lächelnd. © Votos-Roland Owsnitzki/Imago

Jochen Distelmeyer ist zurück - und beeindruckt in der Frankfurter Brotfabrik.

Das Setting auf der Bühne der Frankfurter Brotfabrik ist so unauffällig, ganz so, als wollte sich Jochen Distelmeyer nach - gefühlt - jahrelanger Abwesenheit leise und allmählich zurück in den Pophimmel schleichen. Vier Akustikgitarren im Ständer, Keyboard, zweite E-Gitarre, Schlagzeug, Bass.

Das Licht ist gedämpft, fast unmerklich kommen die Musiker auf die Bühne. Was Distelmeyer und seine Band dann abliefern, ist formidabel und groß, auch ohne die Größe einer größeren Bühne, die der Ex-Frontmann von Blumfeld aus früheren Zeiten gewöhnt sein dürfte. Der 55-Jährige gehört noch immer zum Besten, das die deutschsprachige Pop- und Indie-Musikwelt zu bieten hat. Ein Unikat, das nicht allen gefallen muss, sondern seinen Weg geht. Es ist sein Weg.

Blumfeld, seine Band, die zu den wichtigsten Vertretern der sogenannten Hamburger Schule gehörte, hat sich 2007 in Luft aufgelöst. Seitdem wabert Distelmeyer als schreibendes Gesamtkunstwerk durch die Popkultur, seit mehr als zehn Jahren ohne größere musikalische Lebenszeichen. Vielleicht mit Ausnahme seines Albums „Songs from the Bottom, Vol. 1“, auf dem er 2016 englischsprachige Songs coverte, etwa von Lana Del Rey oder Britney Spears.

Ja, Spears’ „Toxic“ darf an diesem Abend in der Frankfurter Brotfabrik nicht fehlen. Und entblättert von all dem Popsternchen-Chichi, entpuppt sich der Song in der Substanz als echter Distelmeyer, der nie Berührungsängste hatte, zumindest nicht in der zweiten Phase seiner Karriere. Auch George Michael nannte der gebürtige Bielefelder einst als musikalischen Fixpunkt, was in Indiekreisen der neunziger Jahre schon nah dran war am Tatbestand der Phil-Collins-Verehrung. „Toxic“ halt. Aber das war und ist Distelmeyer, den besonders humoristisch unbegabte Kritiker:innen sogar ins Schlagerfach stecken wollten, immer schon egal. Die Schubladisierung ist zu sperrig für einen wie Distelmeyer.

Im Juli ist sein neues Solo-Album „Gefühlte Wahrheiten“ erschienen. Es überrascht - oder sagen wir so: man hätte es kaum noch für möglich gehalten. Die Songs drehen sich um die großen Gefühle, Gesellschaftskritik ist eher in süße Melodien verpackt, was auch an diesem Abend in der Brotfabrik zu hören ist. Distelmeyer äußert sich weder zur Lage in der Ukraine noch rechtsradikalen Tendenzen in Deutschland, stattdessen zählt er die Zutaten Grüner Soße auf, was in Frankfurt möglicherweise gut ankommt.

Immer noch hell und klar

Seine musikalischen Zutaten sind rarer als die der Grünen Soße - und das funktioniert hervorragend. Bass und Schlagzeug als solide Grundlage, aber der Star ist Distelmeyer selbst, der sich nicht nur seine helle und klare Stimme erhalten hat, sondern auch auf dem Gitarrenkorpus mitklopft, mit Obertönen arbeitet und ansonsten mit „Yeah“ und anderen Lauten die Rhythmik wie ein Bluesmusiker unterstützt. Distelmeyer singt soulig, geht einen Schritt zurück, um die Stimme in den Hintergrund zu pegeln. Dann wiederum zieht er die volle Lautstärke an sich, schnappt sich ein Plektrum, während er meist nur mit Fingern auf der Gitarre spielt.

Ein Comeback ist es allerdings nicht. Denn dann hätte Distelmeyer Hits wie „Tausend Tränen tief“ gespielt, um an Erfolge anzuknüpfen. Stattdessen bringt er „Kismet“, einen Song, der es nicht aufs Album geschafft hat. Und „Apfelmann“, den seiner Ansicht nach kontroversesten Song. Am Ende des großen Abends bleibt ein Lächeln - bei Distelmeyer und seinem Publikum.

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