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Helene Schneiderman (M.), Alma Sadé, hinten Barrie Kosky beim Liederabend in der Oper Frankfurt.  

Liederabend

Jiddische Operette in der Oper Frankfurt: Beides zugleich

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Jiddische Operettenmusik mit Barrie Kosky beim Liederabend im Frankfurter Opernhaus.

Barrie Kosky, der an der Oper Frankfurt am 1. März die „Salome“ herausbringt, und die Sängerinnen Helene Schneiderman und Alma Sadé bezauberten einen Abend lang im Opernhaus mit einer Musik, von der sicher viele im Publikum nicht wussten, dass es sie gibt. Vielleicht soll man aber auch nicht zu sehr von sich auf andere schließen. Die jiddische Operette von Abraham Goldfaden (1840-1908) bis Abraham Elstein (1907-1963) zeigte sich jedenfalls als so vielfältig und einflussreich, dass Unwissende ganz verlegen wurden.

Kosky am Flügel, die in New Jersey geborene Mezzosopranistin Schneiderman (von der Oper Stuttgart) und die israelische Sopranistin Sadé (von der Komischen Oper Berlin) an einem Tischchen, von dem aus sie Nummer für Nummer nach vorne sprangen, waren hingegen weder unwissend noch verlegen. Der Intendant der Komischen Oper erzählte, dass beide Sängerinnen diese Lieder schon aus ihren Familien kannten, als sie in Berlin das Programm vorbereiteten, das unerwartet zum kleinen Dauerrenner wurde: eine Musik, die in Europa mit dem Judentum vernichtet wurde, in der größer werden New Yorker jüdischen Gemeinde aber unerhörte Erfolge feiern konnte. Flüchtlinge vor den Pogromen in Osteuropa, dann all die, die dem Holocaust entkommen konnten, sorgten für eine lebendige Musik- und Vaudevilleszene, in der sich eine eigene Variante des Jiddischen durchsetzte.

Die andere Seite des Glücks

Zu hören ist eine klassische, östlich sentimentale, aber auch sehr schwungvolle Operettenmusik, bald durchsetzt mit Impulsen aus anderen New Yorker Kulturen, der Afro- und Latinomusik, eine insgesamt höllisch tanzbare Angelegenheit. Die Welt des jiddischen Lieds, so Kosky, sei entweder fürchterlich oder wunderbar, manchmal auch beides zugleich, was sich zeigte, wenn Sadé und Schneiderman Nummern in der zweiten Runde doppelt so schnell sangen. Das Unglück ist immer die andere Seite des Glücks. Aber lesen wir kurz rein in den hinreißenden Text zum Lied „Glück“ des aus Odessa stammenden Alexander Oshanetsky, gedichtet von seiner Frau Bella Meisel: „Glück, nun du gekommen bist zu mir, ist es ein wenig zu spät.“ Dies kommt in einem langsam sich anbahnenden Dreivierteltakt, den Kosky und Schneiderman so feiern, wie es ein Dreivierteltakt verdient hat.

Man werde, erklärte Kosky, vermutlich gelegentlich glauben, eine Nummer schon lange zu kennen, weil auch die späteren New Yorker Musical-Komponisten mit dieser Musik vertraut waren, sie sich im Herzen der amerikanischen Unterhaltungsmusik etablierte. Tatsächlich stellten sich Wiedererkennungseffekte ein, überhaupt war es, als würde man einen Hit nach dem anderen hören, nur man selbst war nicht richtig auf dem Laufenden.

Zur seltenen Gelegenheit, Kosky als ausgezeichneten Pianisten zu erleben (auch sang er ein Lied!), kamen seine interessanten Zusatzinformationen. Es gab einmal eine jiddische „Aida“, einen jiddischen „Parsifal“!

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