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Jessie Reyez lässt sich nicht einsortieren.

Jessie Reyez, Jhené Aiko

Jessie Reyez und Jhené Aiko: Zwei helle Stimmen, die aus dem Rahmen fallen

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Originelle Alben von Jhené Aiko und Jessie Reyez, zwei Überzeugungstäterinnen des R’n’B.

Jessie Reyez, 28, kommt aus Kanada und hat kolumbianische Eltern. Jhené (sprich: Dschi’neh) Aiko, 32, wächst in Kalifornien auf, hat Omas und Opas aus sieben Kulturen: Dom’Rep, jüdisch, japanisch, hawaiianisch und mehr. Beide fabrizieren eine Art von R’n’B-Musik, die neugierig macht.

Die beiden hellen Stimmen fallen aus dem Rahmen. Jessie klingt interessant, schräg, kauzig, quäkend, progressiv, nahbar, expressiv und „echt“. Sie habe mit 15 eine „ass voice“ gehabt, erzählt sie in einem US-Radiointerview und verpatzte das erste Vorsingen komplett. Jhené hört sich derweil kristallklar, charakterstark, natürlich, säuselnd und impressionistisch an, beseitigt Unsicherheiten mit dezentem Auto-Tuning, während Jessie zu ihren unkonventionellen Lauten steht. Sie veröffentlichte kürzlich ihr erstes Album, Jhené vor Kurzem ihr drittes. Beide trotzen dem Plastik-Trap, der vom Genre Besitz ergreift, Jessie mit Futurismus, Jhené mit 90er-Retro-Stilistik.

Jhené Aiko „Chilombo“ in den USA auf Platz 2 der Charts

Jhené Aiko Efuru Chilombo nennt ihre Platte kurz „Chilombo“. Mit sechs fing sie an, Lyrik zu schreiben. Der Gedichtband „2Fish“ und ein Design-Notizbuch enthalten ihre Zeilen. Als J. Hennessy rappt sie. Wanderungen durch Vulkangestein auf Hawaii führten zu Songs, in denen die Lyrikerin die Massivität und majestätische Eigenmacht der Natur in Töne fasst. In-sich-Hineinhorchen, sphärische Momente und ungewöhnliche Instrumente geben „Chilombo“ einen Aspekt von Worldbeat und Ethno-Pop.

Kristallklangschalen als extravagante Tonquelle muten verwaschen im Sound an, weil sich jene Gefäße nicht auf eine Tonleiter stimmen lassen. Nur durch das Füllen mit Wasser lassen sich Tonhöhen modifizieren. In allen Songs kommen die Schalen vor. Besonders haften bleiben sie in einem Track über das Gurren von Tauben, „Mourning Doves“. Das ungefähre, angenehme Töne-Wabern der Schalen kontrastiert die Beats aus dem PC, mit Gästen wie John Legend, Nas und Ty $ Sign.

Die Alben:

Jhené Aiko: Chilombo. ARTium/DefJam/Universal.
Jessie Reyez: Before Love Came To Kill Us. FMLY/Island/Universal.

Das US-Publikum katapultierte „Chilombo“ auf Platz 2 der Charts, wo es inmitten von Trap-Beats und aufgeregtem Rap einen Ruhepol bildet. Alles klingt nach spirituellem Überbau. Dabei geht es schlicht um Liebe und Sex. Jhenés Verdienst liegt darin, stellvertretend für andere Kalifornier wie Dr. Dre und Warren G. jetzt antizyklisch an die lässige Musik der mittleren 90er zu erinnern, als Rap, R’n’B und G-Funk an der Westcoast  zusammengehörten.

Jessie Reyez lässt sich nirgends einsortieren

Die dunkelgelockte Jessie Reyez lässt sich nirgends einsortieren – „Before Love Came To Kill Us“ umfasst einen Mischmasch: Tropical House gekreuzt mit Soul, Cumbia, Baile Funk und Latin-Elektronik, Gospel, Pathos-Pop und Rap – „Urban Style“ in der Summe. Die Platte startet in fulminanter Intensität, steigert sich auch heftig; ab der Mitte fällt das Tempo ruckartig, dann schlurft die zweite Hälfte als R’n’B-Scheibe. Während die Stimme für sich genommen gewöhnungsbedürftig ist, ähnlich derjenigen von Macy Gray, moduliert die postmoderne Provokateurin super und spielt eine breite Palette an Ausdruck und Details in der Intonation aus.

Sie sagt viel aus. Der Track „Far Away II“ in der Deluxe-Version der CD behandelt zum Beispiel Probleme von Migranten, aus Reyez’ Sicht als Latina-Kanadierin, deren Eltern zehn Jahre lang auf Dokumente warteten und ihre Berufe im Zielland nicht ausüben konnten. Der einen überrollende Sound von Produzent Tim Suby trägt dennoch die Textbotschaften wie selbstverständlich.

Beide Künstlerinnen sind nicht die jüngsten, starteten jedoch früh in die Musik. Jessie lernte Gitarrengriffe von ihrem Vater. Nach der Schule, die sie mit einem Hang zu Alkohol-Partys abschloss, glückte es ihr kaum, mit Gelegenheitsjobs ihre Musik zu finanzieren. An Autoritäten eckte sie an. Das qualifiziert zu Aktivismus. Der #MeToo-Bewegung eilte sie vor Jahren schon voraus, mit der Video-Story „Gatekeeper“. Jhené, die nicht zur Schule ging, unterschrieb mit 13 beim Label TUG. Mit 20 wurde die Ehefrau eines Tontechnikers ungeplant schwanger. Den Sprung an die Entertainment-Front schob sie auf. Nun sind die beiden Talente sehr präsent.

Von Philipp Kause

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