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„Die klingt wie Jessye Norman“ - für Intendant Bernd Loebe ist so ein Urteil über eine Sängerin ein Qualitätskriterium.

„Alle Jubeljahre“

Sie adelte die Musik

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Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, über die verstorbene Sopranistin Jessye Norman.

Ihre Stimme war unvergleichlich: Im Timbre golden-samten, mit perfekt dosiertem Vibrato ausgestattet. Sie sang Weihnachtslieder wie Gospels so, als seien sie große Kunst, Hohelieder im Glauben. Sie adelte die Musik.

Begonnen hatte ihre Karriere mit dem Gewinn des ARD-Wettbewerbes, man trug sie durch die diversen Anstalten, und auch ihr Lächeln beglückte, ihr Charme, ihr Strahlen. Viel später, es muss Ende der 1980er Jahre gewesen sein, erlebte ich eine Sternstunde bei den Salzburger Festspielen. Sehr gebrechlich an Krücken mühte sich Herbert von Karajan zum Pult und überdimensioniert, fast ebenso langsam, schritt die Norman in Richtung Pult. Dann machten die beiden Musik, und der Saal löste sich in Schwerelosigkeit auf. Die Zeit stand still. Es war eines der letzten Konzerte von Karajan und schon damals hatte sich Jessye Norman auf den Bühnen, in den Konzertsälen rar gemacht: Auch deshalb haftete diesem Abend etwas von Abschied an.

Nachruf: Jessye Norman ist im Alter von 74 Jahren verstorben

Eine merkwürdige Karriere und eine Stimme zwischen Sopran und Mezzo; aber gerade in diesen Schnittstellen fand sie berückendes Repertoire und illustre, dunkle Schatten wie glockenhaftes Glück. Bei perfekter Diktion, insbesondere im Französischen. Merkwürdige Vertragsinhalte (Eingang der Garderobentür, Größe des Sofas, Inhalt der Minibar) verraten, dass es sich mehr und mehr bei Jessye Norman um eine große Frau handelte. Wie kommt es, dass eine Frau mit derartiger, singulärer Karriere (ohne dem Populismus und vordergründigen Kommerz verfallen zu sein) sich wohl derart maßlos benahm. Eine Flucht ins Essen? Ausdruck großer psychischer Probleme und Angstzustände? So sprach man in den letzten 20 Jahren nicht nur über die Qualität eines Liederabends, sondern auch darüber: Wie sah sie aus? Wie hat sie sich benommen? Denn auch ihre Wutanfälle hatten sich rumgesprochen. Und daneben diese pure Schönheit, dieser Wohllaut, dabei aber auch sich ankündigende Schwankungen in der Intonation.

In den letzten Jahren sang sie mehr für Freunde denn für ein großes Publikum. Noch heute sagen wir manchmal beim Vorsingen, „die klingt wie Jessye Norman“. Und wir sagen dies als Qualitätskriterium. Wann kommt schon wirklich „alles“ zusammen, so wie bei Jessye Norman in ihrer besten Zeit? Alle Jubeljahre.

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