Dorrey Lyles hat sich einen Traum verwirklicht.
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Dorrey Lyles hat sich einen Traum verwirklicht.

Neue Alben

Starke Stimmen gehen auf Zeitreise

  • vonPhilipp Kause
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Alben von Jessie Ware, Dorrey Lyles und eine Diana-Ross-Würdigung ohne ihren Gesang und ohne Spannung.

Diana Ross plant Neues, noch dazu ein Album mit Mark Ronson. Das ist der Mann, der Amy Winehouse produzierte und sie nach den 50er Jahren klingen ließ. Fertige Töne von Ross und Ronson liegen noch nicht vor. Aber um die Feste zu feiern, wie sie fallen – 60 Jahre Bühnenjubiläum, 40 Jahre „Diana“-Album (mit „Upside Down“ und „I’m Coming Out“) – gibt es eine neue CD namens „Supertonic“. Der franko-amerikanische Keyboarder Eric Kupper aus dem Gründungs-Team der Housemusic-Nostalgiker Hedkandi wollte wissen, wie sich Diana Ross ins Heute übersetzen lässt. Er vertonte die beiden Disco-Knüller und acht weitere namhafte Hits aus Diana Ross’ Archiv als Remixes: das süße, auch hier unkaputtbare „Love Hangover“, auch das von ihm nun lounge-artig verhunzte „Ain’t No Mountain High Enough“. Um die persönlichste Nummer der Sängerin, „My Old Piano“, drückte er sich, und oft auch um ihre Stimme. Die meisten Tracks enthalten sie hier gar nicht mehr.

Famose Remixes gab es längst, von dem Chic-Produzenten Nile Rodgers, und auch von Frankie Knuckles, bei dem Kupper in die Lehre ging. Das meiste Vorhandene klingt überzeugender als „Supertonic“. Kuppers Remix-Album zeigt, wie steif all die schönen Melodien im Schrank hängen, wenn Entertainerin Ross ihnen keine Flügel verleiht. Die Harmonien stimmen zwar friedlich, Synth-Geigen-Tremolo und Stampfbeats wirken dynamisch, doch Spannung kommt in der vokalfreien Zone keine auf.

Eine liebevolle Huldigung an die tollen Tasteninstrumente jener Pionier-Ära kommt dieser Tage aus London. Jessie Ware heißt die Sängerin, deren Faible für Soulmusik auch auf all ihren Alben bis dato erkennbar war. Jetzt geht sie einen Schritt weiter, lässt die Zeit des „Studio 54“, das Lebensgefühl des „Saturday Night Fever“ wiederaufleben. Jessie Ware weckt mit ihrer hingebungsvollen Stimme und ihrer Lyrik voll leidenschaftlicher Liebe Lust auf einen neuen Abschnitt Club-Kultur nach der Corona-Krise.

Um Wares vielseitigen Gesang ranken sich unglaublich gute Beat-Architekturen. In „Adore You“ säuselt sie, „In Your Eyes“ trieft vor Sehnsucht, während im sportlichen „Step Into My Life“ Hauchen, Keuchen, Zischeln, Stakkato und Flehen unmittelbar Begierde und Emotionen freilegen. Das Album „What’s Your Pleasure“ profitiert vom Roland 808, einem geschichtsträchtigen Drum-Computer, bekannt von Marvin Gayes Hit „Sexual Feeling“. Im Mittelteil von „Adore You“ hat der Apparat sogar ein Solo.

Die Alben Diana Ross: Supertonic. Motown/Universal.

Dorrey Lyles: My Realized Dream. Germania.

Jessie Ware: What’s Your Pleasure. Virgin EMI/PMR/Friends Keep Secrets/Interscope/Universal.

Hier schließt sich der Kreis zu Diana Ross: Denn diese Drum-Machine prägte die früheste Phase der Techno-Welle. Frankie Knuckles setzte auf diesen Sound, als er den Acid-House-Stil Chicagos in alten Lagerhallen entwickelte. Eine Punktlandung für Jessie Ware, deren Instrumentierung einen Trip ins Damals unternimmt. Die teuren Synthie-Gerätschaften wandeln sich zu Touristenführern einer Zeitreise, die im elegischen „The Kill“ ihren Höhepunkt findet. Der poppige Schluss-Track „Remember Where You Are“ verdankt seine süchtig machende Wirkung der Siel Cruise, einem Keyboard mit verträumten Wabbel-Klangspuren.

Verträumt ging wohl Dorrey Lyles jahrelang durchs Leben, bis sie sich zum 50. Geburtstag die Verwirklichung eines Traums gönnt: „My Realized Dream“. Dorrey Lyles hält heute das Duo The Weather Girls („It’s Raining Men, Halleluja!“) am Leben. Aus dem Bill-Withers-Klassiker „Lean On Me“ zieht sie jede einzelne Zeile mit der stimmlichen Wucht ihrer gut trainierten Gospel-Choral-Kraft und legt neue Bedeutung hinein. „We all need somebody to lean on, lean on, lean on, oh yeah, somebody, oh-ye-e-e-oh-yeah, yes, we do!“ Da wird nach sieben Minuten kathartischer Auf- und Entladung keiner widersprechen können.

Dieses Cover würde reichen, um das Album als herausragende Soulplatte zu klassifizieren. In „Child of Soul“ schiebt sich ein fluffiger Karibik-Gitarren-Groove unter Lyles, die in markerschütternder Kopfstimmlage intoniert. Der alte „Caravan Of Love“, ursprünglich von Fatboy Slim aus seinem früheren Leben als The Housemartins, erlebt ein Rundum-Update als gefühlvoller Gospel. Zu dem appellreichen Text („every woman, every man, join the caravan! (…) stand up! stand up!“) passt das vortrefflich. Neben gelungenem Hit-Recycling brillieren auch neue Disco-Songs. Das energische „Pay Your Bill“ geht in die hymnische Richtung von „It’s Raining Men“.

Lyles liefert mit all ihrer Ausdruckskraft einen Overkill für den Pop-Markt. So viel Expressivität ist in einer Welt von gefühlskalkulierenden Stars wie Helene Fischer oder Mark Foster etwas ungewohnt. Lyles lässt die Musik der Chic-Phase neu aufleben, trägt aber auch Balladen wie „I Believe In Us“ vor, am Ende aber führt sie alles auf die rohe Energie des Gospel zurück.

Jessie Ware und Dorrey Lyles stellen das Dancepop-Einerlei von heute „Upside Down“, auf den Kopf. Sie beweisen, wie progressiv tanzbare Musik der späten 70er bis mittleren 80er Jahre gewesen ist.

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