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Robin Ticciati dirigiert.

Alte Oper

Jenseits des Pathos

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Die Berliner Symphoniker unter Robin Ticciati und mit dem ausgereiften Christian Tetzlaff in der Alten Oper.

Mit zwei seltsamen und feierlichen Musiken begann und endete der Abend, so unterschiedlich sie auch waren. „Chorale“ des finnischen Komponisten Magnus Lindberg (Jahrgang 1958) erinnerte zwar durch seine Positionierung an die Zykluskonzerte unserer Jugend, als zum Auftakt stets ein zeitgenössisches Werk das Publikum auf den Stand der Dinge bringen sollte, dieses aber (das Publikum) sich eher einige Minuten lang gezwickt und gezwackt fühlte, bis Mozart und Beethoven folgten.

Lindbergs Werk vom Anfang des Jahrtausends bot aber eigentlich einen reizvollen, gar nicht so schwierigen Einstieg, bei dem das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin schon einmal seinen Sinn für Homogenität unter Einbeziehung tückischer Klang- und Rhythmusverschiebungen unter Beweis stellen konnte. Aus den Reihen der Blechbläser kam die Chorallinie – eines depressiven Liedes von Johann Rudolf Ahle (1625–1673), das auch Alban Berg in sein Violinkonzert einarbeitete –, hier effektvoll umspielt und gestört.

Feierlichkeit auch zum Schluss mit Anton Bruckners 6. Sinfonie. Hier gab es ebenfalls Gründe, dem Religiösen zu misstrauen, nicht der Religiosität des Komponisten, aber doch der Ausführung in Musik, die bei aller insistierenden Ritualhaftigkeit auch weltlich und ziemlich wagneresk klang.

Unter Leitung seines neuen Chefdirigenten und künstlerischen Leiters, des Londoners Robin Ticciati, 1983 geboren, machten die Berliner das umso deutlicher. Ticciati, auswendig dirigierend, trieb der Sinfonie alles Pathetische und Behäbige aus, ließ das Orchester im Majestoso stürmen bis in den Risikobereich hinein, in dem es mulmig klingen kann, Ticciato formte insgesamt aber doch einen eleganten Bogen. Interessant, einem Dirigenten zuzuschauen, der augenscheinlich mit großen und geradezu einfachen Gesten vorgeht, seinem Orchester aber doch hörbar eng verbunden ist. Nur das Finale des Finales war etwas pauschal und schien im Zusammenspiel der Instrumentengruppen wie noch in Arbeit.

Markerschütternd ausgereift dafür in der Mitte der Solist Christian Tetzlaff mit Jean Sibelius’ Violinkonzert op. 47, das frisch und ungebärdig, aber auch technisch und geistig zu Ende gedacht war. Die Virtuosität dieses schwer strapazierten Konzertstücks löste sich bei Tetzlaff vom Teufelsgeigerischen völlig ab hin zu einer ganz nachdenklichen Musik. Erstaunlich.

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