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Jenny Hval: „Classic Objects“ – Irrelevante Weisheiten der französischen Philosophie

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Von: Stefan Michalzik

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Keine Elfe: Jenny Hval. Foto: Jenny Berger Myhre
Keine Elfe: Jenny Hval. © Jenny Berger Myhre

Einfache Geschichten über das Leben – im Synthiesound: Jenny Hval und ihr Album „Classic Objects“.

Da sind einige Songs auf diesem Album, angesichts derer man Jenny Hval beinahe schon für eine der sprichwörtlichen „Elfinnen“ in der Popmusik mit den mädchenhohen Stimmen und dem geheimnisvollen Reiz des Obskuren halten könnte. Weit gefehlt. Mit ihrem Album „Apocalypse. Girl“ (2015) hatte die Norwegerin erstmals eine größere Aufmerksamkeit über ihre Heimat hinaus erlangt. In einem der Songs daraus behandelte sie die weibliche Libido und männliche Verletzlichkeit – und schlug die Einführung eines neuen Genres vor: „Soft Dick Rock“.

In ihrem Stil hat sich Hval seit ihren Anfängen Mitte der Nullerjahre immer wieder gewandelt. So nun auch auf „Classic Objects“, ihrem neuen Album. Lange Zeit ließ sie sich unter „Singer/Songwriterpop“ einordnen, das ist im Grunde nun auch wieder möglich, nur ist das Gewand das von Synthiesounds. Zuletzt hatte die Pop-Avantgardistin teils mit freieren Strukturen und einer Nähe zu Spoken Word gearbeitet, bei den acht Songs auf „Classic Objects“ handelt es sich hingegen durchweg um klassische Strophenlieder.

Im Fusionjazz der Siebziger

Das Album

Jenny Hval: Classic Objects. 4AD/Beggars/Indigo.

Die großteils flächigen Klänge erinnern an die Prä-Techno-Ära in den Siebzigerjahren, an die „Synthiemusik“ um Tangerine Dream & Co. Das zweite prägende Element – auch in dieser Hinsicht hebt sich das Album von den vorhergehenden ab – ist die Perkussion. Deren Gebrauch weckt Assoziationen zu der Verschmelzung mit anderen Musikkulturen im Fusionjazz der Siebzigerjahre.

Die zumeist in die Höhe getriebene Stimme ist folknah geführt wie im klassischen Songwritertum. Ein Song wie „Cemetry of Splendour“ ist von einer fast überirdischen Schönheit. Am Ende kommen Naturgeräusche ins Spiel, eine Vogelstimme vor dem Hintergrund zirpender Grillen. Der Song zieht sich zurück und lässt uns mit den Klängen der Natur schließlich allein. Doch wie gesagt: Bei aller Magie ist Jenny Hval gewiss keine Elfe. Sie ist eine Popkünstlerin, die sich mit Genderfragen, mit Konzepten von Weiblichkeit beschäftigt. Auf dem Album „Blood Bitch“ aus dem Jahr schließt sie das Thema Menstruation mit dem popkulturellen Topos des Vampirismus kurz.

Gleich die ersten Songzeilen auf „Classic Objects“ – „We were married on a rainy day / Isn’t that how the song goes? / I wore black jeans and codeine / I guess I wanted to make sure / I seemed relaxed“ – ziehen einen förmlich hinein in eine Welt der Erinnerung, die dieses Album prägt. Die soghafte Intimität hat Hval selbst so erklärt, dass sie sich in der Zeit der abgesagten Auftritte auf sich selbst reduziert gefühlt habe. Zu einem Nachdenken über sich selber habe das geführt, und dazu, dass sie „einfache Geschichten über das Leben“ geschrieben hat.

Das Titelstück ist, zumindest musikalisch betrachtet, Jenny Hvals „Leonard-Cohen-Song“, mit Passagen eines gewissen Parlandos, gerade zu Beginn. Mitunter scheint die esoterische Meditationsmusik nicht weit entfernt, etwa in „Freedom“, einer Art von „Protestsong“: „I wanna live in a democracy, somewhere where art is free / Not that it ever was“. In „American Coffee“ spekuliert das Ich über eine potenziell andersartige biografische Entwicklung ohne Abschluss eines Kunststudiums und „irrelevant quotes from French philosophy“. Wie keines ihrer Alben zuvor kommt „Classic Objects“ einem Popalbum nahe – und erscheint gleichwohl kompromisslos.

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