Oper Frankfurt

Jene Reisen, die das Ich bedrohen

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Fausto Romitelli und der Rausch im Zentrum der „Happy New Ears“.

Grenzüberschreitung – dieser Klingelton des „Kulturbegleitgeschwafels“ (Rudolf Burger) konnte beim jüngsten Happy-New-Ears-Konzert seine sinnvolle Funktion erfüllen. Es ging an diesem Abend in der Oper Frankfurt um die Transmission aus der Welt unserer Erfahrungsregelungen in diejenige der entsicherten, in disparate Höhen und Tiefen getrieben Wahrnehmung. Kurz gesagt: es ging um den „Schnupfen“, den man sich holt, um in einen anderen Wahrnehmungsraum zu gelangen.

Trip und Rausch, Kokain, LSD, Opium, Meskalin – die Namen der Drogen, die die Grenzüberschreitung ermöglichen – waren, natürlich in Zusammenhang mit einem Komponisten, Gegenstand des Abends. Das Ensemble Modern stand unter der inspirierenden musikalischen Leitung Christian Karlsens. Fausto Romitelli, der von 1963 bis 2004 lebte, hat sich mit den Drogen-Berichten Henri Michaux’ musikalisch auseinandergesetzt und Kompositionen vorgelegt, die eine Klang-Illustration solcher Reisen in das Reich der phantastischen Sensationen darstellt.

Um die Jahrtausendwende entstand ein dreiteiliger Zyklus mit dem Titel „Professor Bad Trip: Lesson I – III“ für acht Instrumentalisten und Live-Elektronik sowie für Ensemble. Jene Sorte von Reise, die nicht der euphorisierenden Bestätigung dient, sondern vielmehr bedrohlich und auflösend für das Ich ist. Fausto Romitelli hat zahlreiche Anregungen aus der französischen, akusmatischen Musik beispielsweise eines François Bayle oder Jean-Claude Risset aufgegriffen und diese quellenden, farbreichen und harmonisierten Texturen ins Instrumentale und Konzertante umgesetzt – ohne deren elektronische Basis zu verleugnen.

Eine reizvolle Spannung aus Dynamik und Statik, reduzierter Formiertheit und üppig verästelter Wucherung. Ein wabernder Spielraum klang-konsumistischer Provenienz als sich selbst verzehrende Rotationen eines schwankenden Beharrens – stur und intensiv. Aber immer in jener spektralistischen, französischen Alertheit, die auch Elemente der zur Droge gehörenden Aura von Rock-Bässen und diversen rhythmischen Attitüden integriert.

Wolf Singer, Frankfurts bekannter Hirnforscher war Gesprächspartner des eloquenten und souverän agierenden Moderators Patrick Hahn. Im Gespräch mit Singer, der den Kohärenzverlust ebenso wie den Gewinn an außernormaler Attraktion durch Drogen beschrieb, wurde dem Publikum auch die archaische Herkunft des Rauschs als der transzendenz-affinen Überschreitung der Weltbegrenzung verständlich gemacht.

Ein guter Abend und nach Langem wieder einmal etwas Neues für die Ohren: brillant präsentiert von den ganz unverschnupften Ensemble-Modern-Musikern.

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