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„Ein einziges Instrument kann uns genau so viel geben wie ein Orchester von 1000 Personen“, sagt Jordi Savall.

Musiker Jordi Savall

„Jeder syrische Musiker ist wie eine Bibliothek“

Jordi Savall spricht vor seinem Konzertwochenende in Frankfurt über west-östliche Kontakte und das Verhältnis der Matthäus-Passion zu einem arabischen Klagelied.

Von Stefan Schickhaus

Herr Savall, wie häufig klingelt es an Ihrer Haustür in Barcelona und ein Musiker aus Syrien oder Afghanistan steht vor Ihnen? Ich könnte mir vorstellen, dass Sie eine Anlaufstelle sind.
An meiner Haustür zu klingeln würde wenig bringen, ich bin ja meistens auf Reisen. Aber es stimmt: Ich bin in Verbindung mit vielen Musikern aus diesen Ländern. Ich bin immer auf der Suche nach guten Musikern etwa aus Afrika, Afghanistan, Syrien, aus dem Iran, eben all diesen komplizierten Ländern. Gerade hatte ich in Paris ein Treffen mit verschiedenen Institutionen für ein Projekt, bei dem Kinder von Flüchtlingen Musik machen sollen. Damit sie zum Beispiel in ihren Schulen zeigen können, dass auch in anderen Ländern schöne Musik gemacht wird.

Wie kommen Sie in Kontakt mit Musikern wie dem syrischen Ney-Spieler Moslem Nahal oder dem armenischen Duduk-Meister Haïg Sarikouyoumdjian? Über Netzwerke?
Es gibt da ein französisches Sprichwort: Der Teufel profitiert mehr von seinem Alter als von seiner Teufeligkeit. Ich bin jetzt seit 50 Jahren in diesem Metier unterwegs, reise viel, höre viel. Wenn ich zum Beispiel einen guten Oud-Spieler in Istanbul kennenlerne, aber ich brauche gerade einen Kanun-Spieler, frage ich ihn natürlich: Kannst du mir jemanden empfehlen, der auf diesem Instrument so gut ist wie du? Kontakte kommen über Musiker, denen man vertrauen kann. Daraus entstehen ganz enge Beziehungen. Moslem Nahal zum Beispiel hatte große Probleme wegen seines Status. Jetzt lebt er mit seiner Familie in Barcelona, er ist sozusagen gerettet. Wir versuchen schon auch, diesen Menschen privat zu helfen. Solche Projekte mit Musikern verschiedener Länder sind kompliziert, keine Frage. Wenn Israelis und Palästinenser oder Armenier und Türken oder Serben und Bosnier zusammen musizieren, läuft das nicht immer ohne Konflikte ab. Aber Musik ist und bleibt die beste Art, Brücken zu bauen.

Was bedeutet der Bürgerkrieg in Syrien für die Musik des Landes?
Das ist ein totales Desaster. Wenn Bomben fallen, kann man keine Musik mehr machen. Dazu kommt: Fanatische Islamisten zerstören die Musikkultur, denn für sie ist die Musik ein Werk des Teufels. Moslem Nahal hat vielfach sein Leben aufs Spiel gesetzt, wenn er zu einem Konzert zu uns gereist ist. Wenn er mit dem Auto über die Grenze in den Libanon wollte, durften die Islamisten nicht sehen, dass er Instrumente bei sich hat.

Ist also die Musik der muslimischen Welt vor allem durch den Islamismus in Gefahr?
Ja, die Fanatiker verhalten sich ungefähr so wie Calvin in der europäischen Renaissance. Auch für Calvin war die Musik ein Teufelszeug. Extremisten sehen den Teufel überall.

Wie sieht es mit den Instrumenten in Syrien aus? Überstehen die den Bürgerkrieg?
Moslem Nahal hatte ja ein eigenes Geschäft für Instrumente dort – alles zerstört. Die Situation ist wirklich extrem dramatisch.

Sie setzen sich intensiv mit den Nahtstellen zwischen Kulturen des Abend- und des Morgenlands auseinander. Was passiert, wenn europäische Barockmusik auf tradierte Musik anderer Kulturen trifft?
Ich mische die Musik dieser Länder nicht mit Musik des Barock, sondern mit deutlich älterer – in Frankfurt kann man das jetzt in der Alten Oper beim Programm „Dialog der Seelen“ erleben. Da spielen wir Estampies Royales aus dem 13. Jahrhundert, Lieder aus Istanbul und Griechenland sowie Musik aus dem italienischen Trecento. Diese Musik stammt aus der gleichen Tradition wie die Musik des Orients. Auch sie wurde nur mündlich weitergegeben oder nur minimal notiert. Es muss also viel improvisiert werden. Und da können wir von den Musikern aus Syrien, Marokko und der Türkei lernen. Denn ihr Musizieren hilft uns zu verstehen, wie auch die europäische Musik des Mittelalters gedacht war.

Weil in der orientalischen Musik die Tradition der Improvisation noch ungebrochen ist?
Genau. Die Musik von Orient und Okzident spricht da noch die gleiche Sprache. Wir haben es hier mit einer Monodie zu tun, die instrumental und rhythmisch begleitet wird. Es gibt noch nicht das komplizierte System von Harmonie, Kontrapunkt und so weiter. Natürlich klingt ein Minnesang anders als ein Chanson aus byzantinischer Zeit – aber die Sprache ist die gleiche. In uralten Zeiten war die Musik für alle die gleiche. Auch die Instrumente waren gleich. Oud oder Kanun sind seit 1000 Jahren unverändert.

Eine orale Tradition wie die des Orients steht auf tönernen Füßen, wenn die Verbindung abreißt. Besteht die Gefahr?
Wenn ein Moslem Nahal einmal nicht mehr ist, stirbt eine Menge an Tänzen, Liedern und Rhythmen. Jeder Musiker dort ist wie eine Bibliothek. Rhythmische Strukturen wie diese kann man nicht notieren. Ich habe es selbst versucht, es ist zu kompliziert.

Ihre Grundforderung lautet ja schon lange: Ob Musik aus muslimischer, jüdischer oder christlicher Tradition – keine ist der anderen überlegen. Jede hat den gleichen Wert. Was machen Sie nun aber, wenn jemand da das Stichwort „Bachs Matthäus-Passion“ fallen lässt?
Die Kraft, mit der uns eine Musik berührt, hängt nicht von ihrer Größe ab. Nicht von der Größe des Orchesters, der Größe des Komponisten. Sie hängt einzig von der Emotion ab, von der Schönheit. Eine einzige Person kann uns mit einem kleinen Lied zum Weinen bringen und berühren, wie es eine große Matthäus-Passion nicht stärker kann. Natürlich, wir bewundern dieses unglaubliche Kunstwerk von Bach, es ist unvergleichlich, oder allenfalls mit ähnlichen Meisterwerken wie Monteverdis Marienvesper oder dem Mozart-Requiem vergleichbar. Aber nochmal: Ein einziges Instrument oder eine einzige Stimme kann uns genau so viel geben wie ein Chor oder ein Orchester von 1000 Personen. Ich habe das entdeckt, als ich angefangen habe, mich mit Musik von Kulturen zu beschäftigen, die eine besondere Tragik in ihrer Geschichte hatten. Zum Beispiel die Kultur der Sepharden: Ein sephardisches Lied hat eine Kraft, die unser Herz trifft in unvergleichlich emotionaler Weise. Denn das Lied wurde komponiert, um den Menschen zu helfen zu überleben. Darin steckt die Kraft auch der armenischen Musik, der keltischen Musik, der Musik der afrikanischen Sklaven. Das gleiche gilt auch für die Architektur. Die Kathedrale Notre-Dame de Paris ist natürlich beeindruckend und spektakulär, aber eine kleine romanische Kapelle irgendwo in Katalonien kann einem ebenso viel Schönheit bieten, in geistiger Dimension. Die schönsten Momente im Leben eines Menschen sind immer die intimen Momente. Nicht die spektakulären. So ist auch der bewegendste Moment in Bachs Johannes-Passion der Tod Jesu: Es ist vollbracht. Da singt nur die delikate Stimme eines Countertenors, begleitet von einem der delikatesten Instrumente, nämlich der Gambe. Und solche intimen, geistigen Momente können auch passieren bei einem arabischen Lament oder einer armenischen Duduk-Melodie.

Sie nannten die Musik der Sepharden, also der Juden in Spanien als Beispiel. Ist deren Musik spurlos verschwunden?
Die Sepharden mussten 1492 Spanien verlassen, sie wurden vertrieben. Die spanischen Juden haben ihre Musik natürlich behalten, eben dann in Marokko, Rumänien und im Osmanischen Reich weiter gepflegt. Denn diese Musik hat ihnen geholfen, Frieden zu finden und dennoch ihre Wurzeln nicht zu vergessen.

Hat diese Musik in Spanien keine Spuren hinterlassen?
Nein. In Spanien hat man gesagt: Wir sind ein christliches Land – und alle jüdischen oder auch arabischen Bezüge wurden damit geleugnet. Man ging sogar so weit, die Laute zu verbieten, weil sie zu stark mit der jüdischen und muslimischen Kultur verbunden wurde. Da wurde lieber ein neues Instrument erfunden, die Gitarre und die Vihuela de Mano, die die Form einer Gitarre, aber die Stimmung einer Laute hat.

Der Katalane Jordi Savall arbeitet also die Versäumnisse Spaniens der letzten 500 Jahre auf?
Ich habe mich schon früh gefragt: Warum spielen wir immer nur die Musik der mächtigen Institutionen, also der Höfe und der Kirche? Was ist mit der Volksmusik, die ja eine ganz lebendige Kultur ist? Und was ist mit der jüdischen Tradition? Also habe ich mit meiner Frau Montserrat Figueras angefangen, darüber zu forschen. Und wir haben eine Musik von ganz großer Qualität gefunden.

Sehen Sie sich da rein als Musiker oder auch als homo politicus?
Das kann man schon als politisch bezeichnen. Auch eine Person wie ich, die nicht zu Wahlen geht, kann politisch sein, denn auch dieser Boykott ist eine politische Entscheidung. Unsere Gesellschaft reagiert auf die neue Gefährdung unseres Wohlstandes durch Kriege, Krisen, Terrorismus und Flüchtlinge mit Angst. Aber wir müssten mit Verantwortlichkeit reagieren. Nicht nur die Politiker sind verantwortlich, wir alle sind es. Wenn wir nicht all diese Kriege im Nahen Osten angefangen oder unterstützt hätten, wären wir heute nicht da, wo wir sind. Zwischen 1444 und 1888 haben wir über 30 Millionen Afrikaner versklavt – und heute soll es uns nicht möglich sein, ein paar tausend Menschen von Afrika nach Spanien zu holen? Ich jedenfalls kann als Musiker nicht nur Musik machen. Ich habe das Privileg, mich mit schöner Musik an noblen Konzertorten aufzuhalten – aber ich kann nicht nur in dieser abgeschotteten Welt leben. Ich muss mir bewusst machen, dass auch eine Welt außerhalb existiert. Da ist Empathie und Solidarität nötig und weniger Angst. Angst ist kein guter Ratgeber und kein Problemlöser.

Interview: Stefan Schickhaus

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