Duokonzert

Jeder hat mal kurz die Nase vorn

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Die Saxofonisten Heinz Sauer und Christof Lauer zum Gipfeltreffen in Frankfurt-Höchst.

Ein Gipfeltreffen. Die beiden in Frankfurt lebenden Saxofonisten Heinz Sauer und Christof Lauer gehören zu den Großen ihres Instruments im internationalen Maßstab. Ende der siebziger Jahre schon haben sie erstmals zusammen in einer Band gespielt, in Sauers Ensemble Voices, seither sind sie sich immer wieder begegnet, nicht zuletzt auch als Mitglieder des hr-Jazzensembles. Ein Seltenheitswert aber kommt dem Duokonzert in dem herrlichen Tonnengewölbekeller im Alten Zollhaus am Höchster Schlossplatz zu, immer wieder ein Ort für singuläre musikalische Ereignisse.

Beide sind Musiker, die als „Polystilisten“ in einem postmodernen Sinne zu apostrophieren verfehlt wäre. Gleichwohl sind der 86-jährige Heinz Sauer und 66-jährige Christof Lauer Musiker, die hochdifferenziert auf unterschiedliche musikalische Zusammenhänge einzugehen vermögen. So ist Sauer im langjährigen Duo mit dem Pianisten Michael Wollny von einer ausgesprochen lyrisch-expressiven Seite her zu erleben. Sauer und Lauer sind Musiker über den Stilen, mit einer entschiedenen Prägung durch die Errungenschaften der freien Spielweise – und dieses Fundament ist es auch, auf dem sich die beiden Saxofonisten im Höchster Konzert in Reinkultur begegnen.

So weit es hinausgehen mag ins Freie, die Stücke sind gekennzeichnet von einer immensen Kohärenz und Dichte, nie ufern sie aus und werden weitschweifig. Eine entscheidende Rolle spielt an diesem Abend der Parameter Energie, in einer fein abgestuften Dynamik.

Häufig reihen sich kurze Floskeln in enger Folge. Derweil Heinz Sauer sein Stamminstrument, das Tenorsaxofon spielt, wechselt Lauer zwischen Tenor- und Sopransaxofon. Wobei er das Tenorsaxofon immer wieder momentweise in einen sehr hohen und das Sopransaxofon in einen für dessen Verhältnisse tiefen Tonbereich treibt. Mitunter spielen beide Musiker flirrende Figuren in ewiger Wiederholung, versetzt erst, für einen Moment dann sich überlagernd, bevor sie sich wieder voneinander lösen. Von fern erinnert dieses repetitive Muster an den musikalischen Minimalismus.

So sehr diese Musik vom improvisatorischen Geist geprägt ist, so straff ist sie formal geschnürt. Es handelt sich um eine Interaktion auf Augenhöhe in jedem Augenblick. Zumeist ist es Sauer, der beginnt, mit zuweilen mit Atem belegten, die Tiefe auslotenden Tönen; jeder hat mal kurz die Nase vorn, nie jedoch übernimmt einer die Führung.

Klangsprachlich geschieht nichts, was nicht vor vierzig Jahren schon möglich gewesen wäre. Abwegig erscheint gleichwohl der Gedanke, das Erbe der freien Spielweise könnte von der Zeit überholt sein. Der Eindruck an diesem Abend ist der eines in seiner enormen Frische und ungemeinen Intensität unvermindert zeitgenössisch wirkenden Musizierens.

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