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Jean Rondau spielt Bach in Frankfurt: Plastischer in Zeitlupe

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Von: Bernhard Uske

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Ein markantes Frankfurter Bachkonzert mit Jean Rondeau, der den Langsamkeitsrekord bei den Goldberg-Variationen hält.

Vielleicht hätte Glenn Gould Gefallen daran gefunden, wie Jean Rondeau die Goldberg-Variationen Johann Sebastian Bachs spielt: „Ich glaube, die meiste Musik, die mich tief bewegt, möchte ich in einem sehr grüblerischen Tempo gespielt haben... .“ Das war gesagt nach der zweiten Aufnahme der Goldberg-Variationen Goulds, die 1981 entstand und im Gegensatz zu seiner ersten von 1955, die 38 Minuten dauerte, gut 51 Minuten lang war.

Rondeau, der 1991 geborene Franzose, brachte es im Mozartsaal der Alten Oper beim Abend der Frankfurter Bachkonzerte jetzt auf sage und schreibe 88 Minuten. Wobei er sogar noch knapp 20 Minuten hinter dem Rekord zurückblieb, den er jüngst auf seiner CD-Neuveröffentlichung mit den Goldberg-Variationen aufstellte: 107 Minuten!

Macht solches Extrem der Langsamkeit Bach intensiver, fördert es ergreifende Klangzustände zu Tage, steigert es die Bedeutsamkeit des Werks, seine Transparenz? Macht es vielleicht gar das Wort Goulds von diesem „hochgradig überschätzten Werk“ gegenstandslos, das „neben dem besten, was Bach je geschrieben“ habe, auch manches enthalte, das „zum Dümmsten gehört“?

Jean Rondeaus Auftritt setzte auf Atmosphärisches, lag der Saal doch völlig im Dunkeln und war nur der Pianist am Cembalo schwach beleuchtet. Da stellen sich naturgemäß Fragen nach der Werkgestalt nicht sehr deutlich und bleibt im dämmrigen Raum die Wahrnehmung oft selber im Dämmerzustand. Manches von des Tages Last schwer gewordene Haupt neigte sich da eher entspannendem Schlummer zu.

Dabei aber hellwach

Aber Jean Rondeau, der mit seiner Goldberg-Rekordlangsamkeit schlagartig zum Bachstar des Musikbetriebs avanciert ist, war wachen Könnens. Trotz der extremen Gesamtspielzeit des Konzerts gab es virtuose, fast zirzensisch anmutende, konturierte, rhythmisch und girlandenhaft bestimmte Verläufe in heftigem Tempo. Wie überhaupt sich Wahrnehmung offensichtlich schnell in neuen Geschwindigkeitsmaßstäben orientiert und für sich wieder eine effiziente Schnell-langsam-Relation ausbildet. Wunderbar war die slow motion etwa in der Variatio 26 mit ihren jetzt ungemein plastisch anmutenden Intervallspannungen. Die Variatio 30 (mit Wiederholung) bescherte ihre geistliche Dedikation in erhabener Fügung.

Im Sinne der Gould’schen Abschätzigkeit kam aber auch so manche Anschluss- und Finalisierungsholprigkeit Bachs zum Tragen. Und für ein Cembalo ist selbst der Mozartsaal zu groß, zu kantig und klangmindernd.

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