+
Eine der neuen All Stars: Angelika Niescier.

Deutsches Jazzfestival

Jazzy genug für Jazzer...

  • schließen

Altmodische Hipster aus London, Veteranen in Form und weibliche German All Stars beim 50. Deutschen Jazzfestival in Frankfurt.

Nominal kein Schwerpunkt – insgeheim aber doch. Bei aller Manniggestaltigkeit hat auch das 50. Deutsche Jazzfestival in Frankfurt in der gerade mächtig Furor machenden jungen Jazzszene in London geschürft. Zum Begehen des Jubiläums indes hat die ausrichtende Jazzredaktion des Hessischen Rundfunks unter dem Retrosignum „German All Stars“ eine Auswahl von sechs markanten Solistinnen und Solisten aus der mehr oder weniger jungen deutschen Jazzszene zusammengestellt – mit einer Zweidrittelmehrheit für Frauen, anders als bei den durchweg männlichen German All Stars auf dem ersten Festival 1953. Anhand des enormen Spektrums der kompositorischen Handschriften ist an dem grandiosen Auftritt der neuen All Stars – Angelika Niescier, Altsaxofon; Johannes Lauer, Posaune; Christian Kögel, Gitarre; Julia Kadel, Klavier; Eva Kruse, Bass und Eva Klesse am Schlagzeug – eine freigeistige Zeitgenossenschaft in einer ,,Post“-Haltung zu den Errungenschaften der freien Spielweise abzulesen.

Vor sechs Jahren hatte der Londoner Pianist Kit Downes auf dem Frankfurter Festival mit dem Trio Troyka an Keyboards und Hammond-B3-Orgel das Erbe des Progrocks geplündert, zwischenzeitlich hat er ein Album mit Soloimprovisationen auf der Kirchenorgel veröffentlicht. Mit seiner neuen Gruppe Enemy um den Bassisten Frans Petter Eldh und den Schlagzeuger James Maddren hat er sich auf einen Triojazz von klassisch-harmonischem Zuschnitt kapriziert, in unerhörter Frische und mit stilsicherem Eigensinn, zwischen emphatisch-verhaltener Kantabilität und pulsierend-eruptiven Gesten. Die Londoner Trompeterin Laura Jurd bringt mit ihrem Quartett Dinosaur durch ein ausgeprägtes Strukturbewusstsein erklärte Einflüsse wie Bartók und Strawinsky mit dezentem Groove überein.

Emphase durch den Altmeister Charles Lloyd

Mit einer spektakulären motorischen Spannung reflektierte das Quartett Boulez Materialism um den Vibraphonisten Christopher Dell sowie Jonas Westergaard am Bass und Christian Lillinger am Schlagzeug frei und vermutlich nicht unmittelbar werkbezogen die Texturen der seriellen Kompositionstechnik von Pierre Boulez; Johannes Brecht zog in einem Live-Remix aus dem instrumentalen Spiel vorwiegend tieftönige Sounds. 

Nicht minder herausragend, dabei wie von einem anderen Planeten, der anschließende Auftritt des polnischen Pianisten Marcin Wasilewski mit seinem Trio – Slawomir Kurkiewicz, Bass, Michal Miskiewicz, Schlagzeug -, der den Impressionismus von Ravel und Skrjabin anklingen, zugleich eine Schulung am rhythmischen Drive von Art Tatum erkennen lässt.

Eine schier atemberaubende kollektive Emphase prägte den Auftritt des 81-jährigen amerikanischen Tenorsaxofonisten und Flötisten Charles Lloyd, einem der Pioniere einer spirituell motivierten Freiheit im Jazz, mit seinem Quintett, darin unter anderem der so zupackend vehement wie leichthändig hinlangende Gitarristen Marvin Sewell und der an Monk geschulte Pianisten Gerald Clayton. Stehende Ovationen.

Nicht minder spannungsreich die quintettflankierte west-östliche Begegnung des Frankfurter Tenor- und Sopransaxofonisten Christof Lauer mit dem türkischen Nayspieler Kudsi Erguner in expressiv aufgeladenen improvisatorischen Umschlingungen.

Reichlich Szenenapplaus konnten sich der in den siebziger Jahren mit John McLaughlins Band Shakti endgültig zu Ruhm gekommene indische Tablaspieler Zakir Hussain und die Mitglieder des All-Star-Trios Cross Currents um den Tenor- und Sopransaxofonisten Chris Potter und den Bassisten Dave Holland sicher sein. Furioses auf dem gut abgesicherten Hochplateau einer okzidental-orientalen improvisatorischen Fusion.

„Melodic Ornette“ – der Titel des Projekts des Pianisten Joachim Kühn mit der hr-Bigband unter der Leitung von Jim McNeely ist nicht so paradox, wie er mit Blick auf das „harmolodische“ Prinzip des Free-Pioniers Ornette Coleman erscheinen mag – es resultierte daraus ein Wechselspiel zwischen der verschworenen Einheit eines hochkarätigen Solistenensembles, bestehend aus Kühn, Michel Portal, Bassklarinette und Sopransaxofon, François Moutin, Bass, Joey Baron, Schlagzeug, sowie dem straff organisierten Orchesterklang von funkensprühender Kraft. Als klassische Vertreter der frei-improvisatorischen Szene gaben lieferten der Wiesbadener Pianist Uwe Oberg und die Berliner Altsaxofonistin und Klarinettistin Silke Eberhardt in der Nische im Lokal des Mousonturms ein wunderbares Kammerkonzert in tiefer wechselseitiger Einlässlichkeit.

Am altmodischsten waren ausgerechnet die Hipster. Der in HipHop und Grime verwurzelte Londoner Fender-Rhodes-Spieler Alfa Mist wie auch der in London lebende neuseeländische Schlagzeuger Myele Manzana knüpfen mit ihren Bands vor allem an das Erbe der siebziger Jahre mit Fusionjazz und Funk an. So wenig das die Zukunft des Jazz ist, in den beiden Bands, die am letzten Abend im Mousonturm spielten, agieren frappant improvisationsstarke Instrumentalisten – die Alfa Mists Sentenz auf das eigene Schaffen: „not jazzy enough for the jazzers“ im Grunde dann doch widerlegen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion