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Lucia Cadotsch.
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Lucia Cadotsch.

Deutsches Jazzfestival

Jazzfestival in Frankfurt: Viel mehr gibt es nicht zu singen

  • VonHans-Jürgen Linke
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Das 52. Deutsche Jazzfestival bezirzt vor allem mit dem Schwerpunkt famoser Stimmen.

Im Rückblick sind beim 52. Deutschen Jazzfestival mehrere Programm-Schwerpunkte zu erkennen. Die menschliche Stimme wurde als solcher in den Abend-Moderationen gelegentlich erwähnt – das liegt nahe bei einem Festival, das der Schweizer Stimmkünstler Andreas Schaerer eröffnet, bei dem anschließend die Sängerin Thana Alexa zu erleben ist sowie zwei Abende später das weibliche Vokal-Quartett Of Cabbage And Kings und das von einem Trio mit der Vokalistin Lucia Cadotsch beschlossen wird.

Das Spektrum reichte dabei von Thana Alexas kunstvoll-konventioneller Show über Lucia Cadotschs intime, vielsagend- und mehrmeinend-eigensinnige, dabei virtuose und fast spröde unprätentiöse Song-Interpretationen, die raffinierten Harmonien und farbigen Klangweisen des A-Cappella-Quartetts Of Cabbages And Kings bis hin zu Schaerers erstaunlichen Fähigkeiten, aus Gesang, Lauten, Klang-Nachahmungen, perkussiven vokalen Effekten eine eigene vokale Welt zu erzeugen. Viel mehr als auf diesem Festival zu hören war, gibt es in Sachen „Die Kunst der Stimme“ zurzeit kaum zu singen und sagen, wenn man in Ordnung findet, dass das Kunstlied und die Gattung Oper nicht auf Jazz-Bühnen repräsentiert sind. Das gilt schließlich auch umgekehrt.

Auf besondere Weise gelungen fällt dabei das Trio „Speak Low“ mit Lucia Cadotsch, Peter Eldh (Bass) und Otis Sandsjö (Tenorsaxofon, Altklarinette) auf. Sandsjö reibt sich gern an Lucia Cadotschs Stimme, gibt begleitend seinen Blasinstrumenten sanfte, raue, uneindeutig vokale Färbungen und changiert im Duo mit dem vorbildlichen Kammer-Kontrabassisten Eldh in betont instrumentell charakterisierte Artikulationen.

Diese fein gewebte Trio-Musik steht in denkwürdigem Kontrast zum vorangegangenen Auftritt der Formation „Koma Saxo“, in der Eldh und Sandsjö in einem überwältigend energetisch agierenden Kontext zu erleben waren, mit Jonas Kulhammar und Mikko Innanen an weiteren Saxofonen und Christian Lillinger am Schlagzeug. Lillinger ist hier die energieintensive, stets mit mehreren Impulsen, Angeboten und Kommentaren zugleich agierende Mitte zwischen Bass und Bläserfraktion. Er lässt niemanden auch nur einen Augenblick in Ruhe, am wenigsten sein Drumset und am allerwenigsten sich selbst und schon gar nicht die Wahrnehmungen seines Publikums.

So dass zunächst als ein zweiter Schwerpunkt des Festivals „Energie“ genannt werden muss. Sie kam elektronisch verstärkt (Sanchez) daher, überwältigend (Koma Saxo), im intensiv mitreißenden Strom (Maciej Obara Quartet) oder sparsam und mit skrupulöser Geschicklichkeit eingesetzt (Fabian Dudekt Quartet).

Die Band des polnischen Saxofonisten Obara gab im Mousonturm ein eindrucksvolles Konzert, das die von Ornette Coleman entwickelte harmolodische Spielweise auf eine magnetische Spitze trieb. Harmolodisch? Eine egalitäre Beziehung polyphon geführter Stimmen mit gemeinsamen Bezügen auf ein vorgegebenes kompositorisches Prinzip. Die Band agiert ständig kollektiv, mal als Klaviertrio und mal als Quartett, in unentwirrbarer, dennoch erstaunlich transparenter Reaktionsdichte und glühender Intensität.

Sie lassen Räume, lassen weg

Bei dem U-30-Quartet um den Saxofonisten Fabian Dudek überzeugte die Präzision der Energie-Verausgabung. Die Kompositionen, mit denen Dudek die Band (Felix Hauptmann, p, David Helm, b, Fabian Arends, dr) ausgestattet hat, kommen mit geringem Aufwand an Groove aus und sind überwiegend atonal. Die vier jungen Musiker arbeiten daran mit souveräner Disziplin und behutsamer Phrasierungskultur, unbeirrt und mit dem klaren Vorsatz, der Hörerschaft Räume zu lassen, in denen erkennbar wird, was die Musiker sich wegzulassen entschieden haben.

Fehlt mindestens noch der dritte Schwerpunkt im aktuellen Spannungsfeld zwischen Improvisation und Komposition. Komponiertes Material ist in allen Formationen des Festivals unverzichtbar. Am deutlichsten bei Antonio Sanchez und „Of Cabbages And Kings“, am lockersten bei „Koma Sax“, am eindrucksvollsten bei der Zusammenarbeit des fast schon legendären Pablo Held Trios mit der hr-Bigband. Jim McNeely hat Stücke des Trios so raffiniert in die Sprachwelt der Bigband transformiert, dass man gar nicht mehr von „Arrangement“ reden mag. Es klang eher nach der Vermählung zweier Welten: eines eigenständigen und stilistisch markanten Improvisations-Trios und einer eher orchestralen Formation. Es klang nicht wie Pablo Held Trio und schon gar nicht wie Bigband, sondern – ja, einfach nach McNeeleys, nennen wir es ruhig mal „Genie“ und einer größeren Anzahl von Musikern, die sich glücklich in dessen Klangwelt zusammengefunden haben.

Noch mehr Schwerpunkte gefällig? Bitte: die Jazz-Szene der Stadt Köln, aus der Of Cabbage And Kings ebenso stammen wie das Pablo Held Trio und Fabian Dudeks Band.

Dann die Liedform und verschiedene Arten, unter die Räder zeitgenössischer Jazz-Zugänge zu kommen.

Und natürlich die verlässlich (nur mit eine Ausnahme) zur Sprache kommende Endlich-wieder-vor-Publikum-Spielfreude aller bei diesem Jazzfestival auftretenden Formationen.

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