1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Jazzfestival in Frankfurt: Sound des Saxofons

Erstellt:

Von: Stefan Michalzik

Kommentare

Mit Anklängen an Debussy und einem empathisch zupackenden Drive: Julia Hülsmann.
Mit Anklängen an Debussy und einem empathisch zupackenden Drive: Julia Hülsmann. Foto: Sascha Rheker © Sascha Rheker

Einer der Höhepunkte des 53. Jazzfestivals ist der Auftritt der Tenor- und Sopransaxofonistin Ingrid Laubrock

Erstmals nach zwei Jahren der Einschränkungen findet das Deutsche Jazzfestival in Frankfurt in seiner 53. Ausgabe wieder unter äußerlich normalen Bedingungen statt. Ansehnlich besetzt ist der Sendesaal des Hessischen Rundfunks an den ersten beiden Abenden, nicht ausverkauft allerdings wie sonst so oft. Der vor einigen Jahren eingeführte populäre Eröffnungsabend in der Alten Oper ist diesmal gestrichen; angesichts eines immer noch eingeschränkten Zuspruchs bei zahlreichen Kulturveranstaltungen erschien dem Sender das wirtschaftliche Risiko zu groß. Eingestrichen zudem das Programm des Festivalkerns im Sendesaal mit nur zwei anstelle der sonst üblichen drei Positionen an den ersten beiden Tagen. Einen Eindruck von Fülle suggeriert stattdessen die neu eingeführte Nacht der Clubs in der Stadt.

Schillernd verdichtet

Das Programm stellt sich in erster Linie als breit gestreut dar. Eine gewisse Fokussierung auf das Saxofon, lässt die Jazzredaktion des hr wissen, habe sich unwillkürlich ergeben.

In einem weiten Spektrum zwischen deftig hinlangendem gemeinschaftlichem Powerplay und einem kraftvoll expressiven Lyrismus bewegen sich die Texturen der seit vier Jahrzehnten mit wenigen Umbesetzungen existierenden Supergroup Quest um David Liebman.

Zeitgenössischer orchestraler Jazz mit schillernd verdichteten Klangfarbenspielen: Eröffnet hatte das Festival die hr-Bigband unter der Leitung der vielversprechenden jungen Dirigentin Theresia Philipp mit Julia Hülsmann als Solistin am Klavier. Hülsmanns Klavierspiel ist von einem konstruktiv strengen, eigengeprägten Eklektizismus gekennzeichnet, mal mit schwebend fahlen Klangcharakteren und Anklängen an Debussy wie auch Schumann und Schönberg, dann auch wieder einem emphatisch zupackenden Drive.

Ein Höhepunkt ohne Zweifel der Auftritt der in der New Yorker Jazzavantgarde heimischen deutschen Tenor- und Sopransaxofonistin Ingrid Laubrock mit ihrem Quartett. Herrlich ungestrig wirkende Achtziger-Jahre-Retroavantgarde – Stichwort: New Yorker Downtownszene. Die Ensemblestruktur ist mitunter splittrig-fragmenthaft verzahnt, mit verhaltenen Klangtupfern von Michael Formanek, Bass, und Tom Rainey am Schlagzeug und einer radikalen Klangwerkerei des famosen Brandon Seabrook an der Gitarre, im Sinne eines Paradoxons von reduktionistischem Noise. Auf der anderen Seite steht eine kollektive Hochspannung mit einem insistierenden Puls. Die Leaderin arbeitet am Klang in Gestalt von perkussiv geformten Luftgeräuschen mit und vor allem ohne Mundstück auf dem Tenorsaxofon, auf der anderen Seite ist da eine tiefe Melodiosität.

Attitüdenfrei in der Erscheinung Laubrock – äußerst showorientiert hingegen Lakrecia Benjamin. Die schwarze New Yorker Altsaxofonistin erwies mit ihrem Quartett Pursuance nicht allein John, sondern zugleich seiner nur unter Kennern mit Grund hochgradig geschätzten Ehefrau, der Harfenistin, Pianistin und Organistin Alice Coltrane Reverenz, in einem gelungenen Spagat zwischen historischem Anklang und heutigem Zugriff.

Traumhaft geläufig die Phrasierungskunst Benjamins im endlosen modalen Fluss, mit einem starken Quartett – Miki Hayama, Klavier; Ivan Taylor, Bass; EJ Strickland, Schlagzeug. Das ist intensiv in seiner raumgreifenden Art, in all seiner redundanten Furiosität erschöpft es sich jedoch schließlich.

Auch interessant

Kommentare