+
Man meint, sie lässig schnippen zu hören: Jah9.

Pop

Jazz und Oper statt Auto-Tuning

  • schließen

Reggae-Sängerin Jah9 und ihr fabelhaftes Album „Note To Self“.

Die 37-jährige Jamaikanerin Jah9 rüttelt an den Genre-Grenzen von Soul, Jazz, Hip-Hop und Reggae. Dafür hat sie einen Meilenstein der Offbeat-Musik geformt, geschliffen, perfekt poliert. Die Songautorin und Yogalehrerin, die einen Universitätsabschluss in Kriminalwissenschaften hat, richtet eine „Notiz ans Selbst“, „Note To Self“. Anstatt nach einer Selbstfindungsplatte klingt ihre Musik federnd, schwebend, leicht zugänglich.

Obwohl sich Rhythmen und Instrumente mitunter etwas exotistisch der westafrikanischen Funk- und Highlife-Musik bedienen. Jah9 (sprich Dscha’nain) nannte sich auf ihrem ersten Song 2010 Jah Nile: Der Nil stand pars pro toto für den afrikanischen Kontinent. Heute weicht der Reggae-typische Taktschlag One Drop weicheren Backbeat-Mustern aus Afrobeat und Soul. US-Soul und westafrikanische Musik übten auf die Musikrezepturen der Karibik schon in den 60ern riesigen Einfluss aus, als Reggae entstand.

Beflügelt von der Atemtechnik des Yoga, tiriliert Jah9 ihre Songs wie Opernarien. Sie sprudelt Worte wie die Fontäne eines Springbrunnens heraus, vollzieht ihre Gesangsphrasierungen präzise, als ob sie sich jedes Luftholen und jede Betonung mit Zirkel und Lineal aufgezeichnet hätte. Die auf Jamaika grassierenden Software-Tools des Auto-Tuning kommen für sie nicht infrage. Stellenweise biegt sie in nasales Timbre ab und erteilt eindringlich Ratschläge. Im Schlüsselsong der Platte, „New Race“ singrappt sie selbstironisch: „Ich bin eine Sozialforscherin, die Informationen sammelt. Als Rastafari-Künstlerin ergründe ich inkognito, wie verschiedene Kulturen leben.“

Trotz des Namens ihrer Tour-Combo, The Dub Treatment, überstrahlt das Spiel auf „Note To Self“ das Stoische des Dub. Es verläuft verspielt, harmonieselig, smooth und so dynamisch wie Jazz. Üppige Bläsersätze schillern. Betriebsame Percussions treiben die Lawine der Worte unablässig voran. Cremig-sanfte Songs wie der Titelsong „Note To Self“ wechseln mit progressiv-kantigen wie „Highly (Get To Me)“. Stilistische Parallelen ziehen Jah9s Wortkaskaden zum Dichter Benjamin Zephaniah, zu Ursula Rucker und zur empowernden Jazz-Rapperin Akua Naru.

Mit Dank an die Männer

Akua und Jah9 spielten beide bereits auf dem Kölner Summerjam-Festival, wo Jah9 fürs erste Juli-Wochenende eingeplant ist. Den Song „Ready To Play“ widmet die Feministin ihrem riesigen, komplett männlichen Team und singt: „Wir definieren Realitäten neu und erschaffen Universen mit Musik. (...) Danke an alle Instrumente-Spieler, für den Austausch von Seele zu Seele.“ Das Who’s Who dreier Generationen beteiligt sich, aufgelistet im schicken CD-Booklet. Collageartig verbinden sich dort Skizzen, Fotos, Handgeschriebenes zur Detail-Flut. Die Sängerin gibt Tipps für Kräutertees mit Moringa, Stachelannone, Bittermelone und Rosmarin. Der gedruckte Luxus verblüfft: Denn nur ein schmaler Prozentsatz karibischer Musik erscheint noch physisch.

Jah9s holistische Weltanschauung, in der Glaube, Ernährung und Musik zusammengehören, verdeutlicht den Kontrast zum heutigen jamaikanischen Mainstream. Dort gieren die Privatradios nach neuen Hymnen übers Popo-Wackeln. Manche spirituellen Acts wie Max Romeo, 75, frustriert diese Entwicklung. Mit seinem Klassiker „Revelation Time“ verdiente sich einst Jah9s jetziger Produzent Clive Hunt seine ersten Meriten, und jenes Album erscheint im Mai noch einmal neu. Die Platte von Jah9, bürgerlich Janine Cunningham, knüpft direkt an jene Ära an. Sie zählt zur ‚Roots Revival‘-Welle.

Jah9:Note To Self. VP.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion