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„Jazz im Palmengarten“ mit dem Thärichens Tentett: Schon eine Fallhöhe

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Von: Stefan Michalzik

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Das Thärichens Tentett eröffnet die Frankfurter Sommerreihe „Jazz im Palmengarten“

Ende der neunziger Jahre machte in Berlin eine junge, mit einer avantgardistischen Attitüde und zuweilen auch einer launigen Ironie ausgestattete Jazzszene Furore. 1999 gründete der Berliner Komponist, Arrangeur und Pianist Nicolai Thärichen das bis heute personell weitgehend beständige Großensemble Thärichens Tentett – das nun die Sommerreihe „Jazz im Palmengarten“ eröffnete, ausgerichtet von der Frankfurter Jazzinitiative.

Über die Jahre hinweg hat sich diese Schmal-Bigband immer wieder mit Texten zunächst in englischer wie später auch deutscher Sprache beschäftigt, von Dorothy Parker bis Hugo Ball und Joachim Ringelnatz; ein ganzes Album, „Grateful“ (2005), widmete es dem schottischen „Antipsychiater“ Ronald D. Laing. Für das vor drei Jahren erschienene jüngste Album „No Half Measures“ bat Thärichen zum 20-jährigen Bestehen die Mitglieder um eigene lyrische Texte zur Vertonungen. Auch zu einigen Lieblingssongs der Musiker schrieb er Arrangements.

Von Liebe und Enttäuschung

Es geht dahin häufig um Liebe und Enttäuschung, im Frankfurter Konzert herrscht zunächst ein irritationsarmer Balladenton vor. In der Eingangsnummer – das nun allerdings war „Keepsake Mill“ nach Robert Louis Stevenson – mit einer Affinität zum Barjazz, später auch mit einer milden Latinbeschwingtheit oder einem Moment von „Free“-Turbulenz in den Bläsern. Das ist alles klangfarbenreich, mit der Zeit aber erst kommen die eigentlichen Qualitäten des meisterlichen Komponisten und Arrangeurs zur Geltung – mit den vielen Nuancen von Flüchtigkeit in einer geistreich-selbstverständlichen Jonglage zwischen Bebop, Funkyness und Fusion, Rock und Choral und anderem mehr.

Stichwort Michael Schiefel. Ein technisch traumhaft kunstfertiger und geschmeidiger Sänger. Immer wieder aber treibt er seine auch gesteigert manierierte Gesangskunst ungut auf die Spitze. Und wenn er in Quasi-Instrumentals beim Scat die Instrumente vom Saxofon über die Gitarre und Bass bis zum Schlagzeug nachahmt, geht das ins gefällig Kunstgewerbliche.

Die erneute Begegnung mit den alten Platten offenbart, dass hier Schiefels ja unbestreitbaren Qualitäten ganz anders zum Tragen kommen. Das mag zum einen daran liegen, dass er hier mit seinen Manierismen besser haushaltet, es hat aber sicherlich auch mit der Fallhöhe der Texte zu tun. Bei den Hervorbringungen aus den eigenen Reihen handelt es sich um Songtexte, nicht um Lyrik im engeren Sinn. Da kommt manches in seiner humorigen Machart eher den Texten von „Die Prinzen“ nahe. Warten wir besser auf Neues von Thärichen und seinem brillanten Ensemble.

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