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Trompeterin Yazz Ahmed.

Jazzfestival Frankfurt

"Der Jazz ist gerade wieder ziemlich cool"

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Beim Festival in Frankfurt gelingt die attraktive Bestandsaufnahme einer Branche, die sich für den Augenblick mit abgesichertem Terrain zu begnügen scheint.

Heimat“ ist eines der Schlagworte, das die Jazzredaktion des Hessischen Rundfunks zum 49. Deutschen Jazzfestival in Frankfurt ausgerufen hat. Man wolle dieses Thema nicht dem rechten Rand überlassen, sagt Jürgen Schwab, einer der Programmgestalter, wenig überraschend in einer Moderation. Ohne Ironie und Distanz scheint das – anders als zum Beispiel im ost- oder nordeuropäischen Jazz – im deutschsprachigen Raum nicht zu gehen. 

Ein furioses musikalisches Spektakel sind die Arrangements des Allgäuer Trompeters, Flügelhorn-, Sousaphon- und Tubaspielers Matthias Schriefl, geschrieben für die HR-Bigband unter dem Motto „The Big Amithias – Allgäu meets India“. In einer kaleidoskopischen Verwirbelung trifft Schriefls Alphorn die helltönende indische Bambusflöte von Amith Nadig, der mit einem vorwiegend perkussiven Trio die indische Sektion bildet. In den Gesangsimprovisationen von Sarah Buechi taucht mal auch ein Schemen von Jodeln auf. Das ist zirzensisch bunt und drall.

Den Gegenpol markiert an den drei Kerntagen des Festivals im Sendesaal des HR das Quintett Oddarang um den finnischen Schlagzeuger Olavi Louhivuori mit seinem psychedelischen Postrock mit Cello und Posaune, vor allem aber weiten Synthielandschaften. Ungeachtet ihres improvisatorischen Charakters ist diese theatralische Musik minimal jazzhaltig, aber in jedem Fall bemerkenswert.

Das Solistenensemble um den Trompeter Frederik Köster, den Pianisten und Fender-Rhodes-Spieler Sebastian Sternal sowie Jonas Burgwinkel am Schlagzeug wartet mit einer zeitgenössischen Überschreibung des Fusionjazz auf. Köster arbeitet effektvoll sparsam mit Hall- und Echoeffekten und obskur fiepigen Synthiesounds. Es gibt faszinierende gedämpfte Klangszenen und Stücke im Balladenton und auf der anderen Seite eine Lust am Groove und eruptiven Soli in dichtester Materialkonstruktion.

Viel Szenenapplaus für die immer wieder umwerfende Dynamik der acht Solisten des SFJazz Collective aus San Francisco. Makellos geschliffen und zugleich mitreißend schwungvoll ist ihre unbeschwert freisinnige Beschäftigung mit Musik aus dem Repertoire von Miles Davis, reich facettiert sind die Kompositionen aus dem Ensemble.

Extravagant übertragen der österreichische Pianist David Helbock und sein schlagzeugloses Trio Random/Control mit dem beiden Multibläsern Johannes Bär und Andreas Broger Standards von jazzklavierhistorischen Hausgöttern wie Chick Corea, Herbie Hancock und Keith Jarrett in ein Umfeld von Alphorn, Sousaphon und Tuba. Das hat Witz in seiner Eigentümlichkeit. Der französische Sopransaxofonist Emile Parisien, der sich ziemlich geschwind als Größe im europäischen Jazz etabliert hat, trifft in seinem famosen Quintett Sfumato auf den altverdienten 74-jährigen deutschen Pianisten Joachim Kühn, auf dass die Funken sprühen zwischen expressiven Werten (Parisien) und brachial perkussiver Kante (Kühn) und zugleich viel lyrischem Melos.

In seiner zurückgenommenen Art besticht der Auftritt der in Großbritannien lebenden bahrainischen Trompeterin und Flügelhornspielerin Yazz Ahmed. Mit ihrem Quartett stellt sie Segmente arabischer Musik in einen Zusammenhang von sphärischen Halleffekten und spacigen elektronischen Einsprengseln. „Heimat, Blech und starke Frauen“ lautet das Festivalmotto vollständig. 

Die Zahl der auftretenden Frauen ist im Sendesaal zumal nach dem schwangerschaftsbedingten Ausbleiben der französischen Trompeterin Airelle Besson dann doch sehr übersichtlich (Bericht über den Auftritt von Kaja Draksler und Susana Santos Silva am letzten Tag im Mousonturm folgt). Starke Frauen? Weshalb bedarf es überhaupt einer Wendung, die in ihrer Klischeebeladenheit schon in die Nähe der „Rocklady“ gerät?

Der österreichische Bassist Lukas Kranzelbinder macht mit seinem Septett Shake Stew, außergewöhnlich besetzt mit zwei Schlagzeugern und zwei Bässen und einer Vorderlinie von drei Bläsern, mächtig Druck, mit einem Popappeal. Fraglos einer der Höhepunkte. Nicht minder phänomenal der Auftritt des Quartetts um den New Yorker Schlagzeuger Mark Guiliana. Da wird auf klassischer Modern/Bop-Basis musiziert, doch nimmt die stark besetzte Band mit dem britischen Einspringer Josh Arcoleo und seinem kraftstrotzenden Spiel am Tenorsaxofon durch immense Spannkraft für sich ein.

Viel abgesichertes Terrain. Das mag ein Zeichen dieser Zeit im Jazz sein. Für das Festival ist das kein Schaden. Eher schon vermittelt sich etwas von jenem derzeitigen Geist, den Lukas Kranzelbinder beiläufig mit den Worten trifft: „Der Jazz ist gerade wieder ziemlich cool im Moment.“ Dafür braucht es offenkundig nicht unbedingt den Willen, ästhetisches Neuland zu erschließen.

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