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Der Jazzer Emil Mangelsdorff.
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Der Jazzer Emil Mangelsdorff.

Emil Mangelsdorff 90. Geburtstag

Der Jazz und die Freiheit

Ein Geburtstagsgruß an den großen Saxophonisten Emil Mangelsdorff, der am Samstag 90 Jahre alt geworden ist.

Von Hans-Jürgen Linke

Eine Kindheit in der Ernst-May-Siedlung im Frankfurter Stadtteil Praunheim als ältester Sohn einer sozialdemokratisch geprägten Familie, eine oppositionell untermalte Großstadt-Jugend im Nationalsozialismus, Krieg und Gefangenschaft, späte Heimkehr, Eintauchen in Frankfurts reichhaltige Jazz-Szene, in der er seither und bis heute ein Energiezentrum ist – Emil Mangelsdorffs Leben ist eng mit Frankfurt, mit dem Jazz und mit Politik verknüpft, und niemand sonst verfügt über eine so reiche Lebenserfahrung und lässt seine Mitmenschen so freigebig daran teilhaben. Emil Mangelsdorff, der ein bescheidener, freundlicher Mensch geblieben ist und immer eine öffentliche Figur war, wird heute, am 11. April, 90 Jahre alt.

Ein Jahr wenigstens, von 1942 bis 1943, konnte er an Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt Klarinette studieren, obwohl es die 1928 von Mátjás Seiber gegründete Jazzklasse schon ab 1933 nicht mehr gab. Dann war es für den jungen Jazz-Anhänger mit der Musik bald vorbei.

Emil gehörte als Teenager zu einem Zirkel von jungen Leuten, die sich in einem vielfach geprägten Dissens zum Nazi-Staat wussten und die man heute unter dem Oberbegriff „Swing-Jugend“ zusammenfasst. Sie organisierten sich in Klubs, hörten Jazz-Platten, und nicht unbedingt nur heimlich zu Hause. Einige begannen, Jazz zu spielen, und alle zeigten sich gegenüber den Vereinnahmungsversuchen der Hitlerjugend renitent. Der nationalsozialistische Staat duldete diese kulturelle Opposition nicht. Der Jugendbeauftragte der Gestapo in Frankfurt, Heinz Baldauf, ging brutal gegen die jungen Leute vor. Emil Mangelsdorff wurde mehrfach bei der Gestapo vorgeladen, einmal für fast drei Wochen interniert und dann an die Ostfront geschickt.

Ein Freiheitsversprechen

So prägte der Jazz sehr früh auch politisch seinen Lebensweg. Dass die Nazis diese Musik ablehnten und dass sie darum für ihn ein Freiheitsversprechen beinhaltete, hat er nie vergessen.

Als er 1949 zurückkam und gleich wieder Anschluss an die Jazz-Szene fand, hatte sich eine tiefgreifende stilistische Veränderung vollzogen. Statt des Two-Beat-Jazz und des frühen Swing standen nun Bebop und bald auch Cool Jazz auf der Tagesordnung. Emil Mangelsdorff besorgte sich ein Altsaxophon und tat, was alle Jazzer der Region taten: Er spielte in selbst zusammengerufenen Combos in Ami-Clubs und deutschen Lokalen, ab 1951 auch in dem von Carlo Bohländer gegründeten Domicile du Jazz und später im Jazzkeller in der Kleinen Bockenheimer, den die Musiker selbst von Schutt und Trümmern befreit hatten.

Das Altsaxophon wurde sein Hauptinstrument, daneben spielt er Flöte und Sopransaxophon. Autodidakt? Ja, aber einen besseren Jazz-Studiengang als die Frankfurter Szene mit ihrem Cheftheoretiker Bohländer gab es nicht.

Emil Mangelsdorff ist ein Musiker, dem Tradition viel bedeutet. Das hat ihn andererseits nie gehindert, sich intensiv mit neuen Strömungen auseinanderzusetzen. Erst beim Free Jazz wiegte er zuweilen bedenklich das Haupt. Eine Musik, der der Sinn für Melos, Rhythmus, für den Blues, für Phrasierung, Stil und Form abhanden gekommen schien, das wurde nicht seine Welt. Aber Jazz war nicht seine einzige musikalische Liebe. Er ist nach wie vor regelmäßiger und kenntnisreicher Gast in der Oper.

Seit über sechs Jahrzehnten gehört Emil Mangelsdorff zu den ausdruckreichsten, stilistisch variabelsten deutschen Jazzmusikern. Als der Hessische Rundfunk sein Jazz-Ensemble gründete, war er von Anfang an dabei. Vor allem aber hat er mit eigenen Gruppen eine große Zahl erfolgreicher und Epoche machender Langspielplatten und CDs eingespielt und sich immer wieder mit offenem Sinn an Experimente gewagt.

Der Jazz ist für ihn untrennbar verbunden mit der Idee von Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Dass seine Ursprünge in der afroamerikanischen Subkultur der nordamerikanischen Sklavenhaltergesellschaft liegen, bedeutet für ihn zwangsläufig, dass diese Musik keinerlei Diskriminierung dulden kann. Dafür hat er sich stets nachdrücklich engagiert und sich nie gescheut, seinen öffentlichen Einfluss geltend zu machen.

Schon früh entwickelte er die Idee von Gesprächskonzerten, in denen er junge Menschen mit seinem Bild von Jazz und seiner Idee von dessen politischer Kontur bekannt machte. Generationen von Schülern in Südhessen sind so mit dem Jazz in erste Berührung gekommen. Fast schon seit Menschengedenken spielt Emil Mangelsdorff auch regelmäßig an jedem ersten Montag im Monat mit einer Kernbesetzung und wechselnden Gästen im Frankfurter Holzhausenschlösschen. Am 4. Mai wird er das zum 171. Male tun.

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