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Geschmeidiger Turner: Jarvis Cocker.

Jarvis Cocker

Er stellt sich lässig über die Stile

  • vonStefan Michalzik
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Seine Musik war schon immer erwachsen: Jarvis Cocker mit seiner Band Jarv Is und das Album „Beyond the Pale“.

So oft der Begriff Britpop im Zusammenhang mit Jarvis Cocker und seiner Band Pulp fällt, ob er tatsächlich ein Vertreter dieses Musikstils war, ist strittig. John Peel beispielsweise, die britische Radio-Legende, war der Ansicht, mit dem „subkulturellen Gegensatzpaar“ Blur und Oasis hätten Pulp nie etwas zu tun gehabt. Das ist plausibel. Cocker war, ungeachtet des spektakulären Erfolges der 90er Jahre, ein Popstar von der untypischen Sorte. Ein Role Model des dandyhaften Flügels – Hornbrille! – der Nerdkultur. Schon damals stand er immer ein wenig neben den Dingen.

Jetzt ist sein neues, erstmals unter dem Bandnamen Jarv Is veröffentlichtes Album „Beyond the Pale“ erschienen, eine erste Meldung (von einem chansonesken Duowerk mit Chilly Gonzales 2017 abgesehen) seit zehn Jahren, klingt der in einer Tradition mit historischen Größen wie Lee Hazlewood, Scott Walker, Cohen, Bowie und Costello stehende Popcrooner mit einer ungewohnt tief raunenden Stimme in dem Song „Save the Whale“ wie eine Reinkarnation des späten Leonard Cohen und bringt die Wahrhaftigkeit gegen den allgegenwärtigen Trug von Politik und Konzernen in Anschlag. Amüsant neckisch im Übrigen der Dialog mit den Choristinnen, die auf die Zeilen „We’ve gone and founded a new civilization“ mit einem trockenen „Congratulations“ – Glückwunsch! – reagieren. Im darauffolgenden „Must I Evolve“ – Muss ich mich weiterentwickeln – antworten sie dem Sänger mal mit „Yes, Yes, Yes, Yes“, dann mit einem „No, No, No, No“. Das ist wirklich lustig. Ein wenig erinnern diese kommentierenden Stimmen an die Rolle des Chors im antiken Drama.

Das ist keine Schmähung

Der 56-Jährige ist einer der wenigen, von denen man sagen kann, seine Musik sei „gereift“, ohne dass das einer latenten Schmähung gleichkommen würde. Die Sache mit der Reife ficht einen Jarvis Cocker nicht zuletzt auch deshalb nicht an, weil er schon in den 90er Jahren eine – auch das bei ihm keine Schmähung – erwachsene Popmusik für junge Anhänger gemacht hat. Und nicht, noch einmal zum Stichwort Britpop, hymnische Heuler für den partygestimmten Proll.

Wobei: mit der Party hielt es Jarvis Cocker durchaus, aber mit einer anderen. Mitte der Dekade vom heimatlichen Sheffield aus nach London gezogen, war er in die dortige Rave-Kultur eingetaucht. Die Nummer „House Music All Night Long“ stellt eine melancholische Reminiszenz an diese Zeit dar. Der Housebeat klingt zunächst nur mit wenigen Schlägen an, erst zum Schluss hin taucht der Song tiefer in diesen Sound ein.

Ein Dancealbum ist das gewiss nicht, Phil-Spector-Pomp oder Steve-Albini-Rock wie zuvor gibt es allenfalls noch in Spuren. Es sind famose Musiker, die Jarvis Cocker für diese über den Stilen stehende Musik zusammengebracht hat, sechs an der Zahl. Vor allem Serafina Steer, Harfe, Tasten und Chorgesang, und Jason Buckle, Synthesizer & Co., tauchen in den Autorenzeilen auf. Inwieweit der suggerierte Bandgedanken allerdings tatsächlich zum Tragen kommt, sei dahingestellt. Primär wirkt das wie ein weiteres Soloalbum: die Klangbilder der sieben Songs (in vierzig Minuten) sind phänomenal reich facettiert – insofern wird hier in einer großartigen Weise an das bekannte Prinzip von „Jarvis“ (2006) und „Further Complications“ angeknüpft.

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