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Jaroussky in Wiesbaden: Kein besseres Befriedungsmittel

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Von: Bernhard Uske

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Gitarrist Thibaut Garcia und Philippe Jaroussky in Wiesbaden. Foto: Ansgar Klostermann/RMF
Gitarrist Thibaut Garcia und Philippe Jaroussky in Wiesbaden. Foto: Ansgar Klostermann/RMF © Ansgar@Klostermann.net

Der Countertenor Philippe Jaroussky und der Gitarrist Thibaut Garcia in Wiesbaden

Sechzehnmal gab es Applaus zuzüglich Begrüßungs- und Zugabenerklatschungsbeifall in der Wiesbadener Ringkirche. Philippe Jaroussky gab gemeinsam mit dem trefflichen Gitarristen Thibaut Garcia sein Gastspiel beim Rheingau Musik Festival. Dem mehrfach preisgekrönten Instrumentalisten (1994 in Toulouse geboren) waren drei Stücke solo anvertraut, während derer sich der Countertenor von den Strapazen des ohne Pause absolvierten 90-minütigen Programms erholte. Der händewerkliche Beitrag der Zuhörerinnen und der Zuhörer kam da sicher nicht ganz ungelegen, wenngleich er die Dynamik des durchdachten Programmverlaufs zu einem häppchenhaften Song-Circle machte.

Die Gitarre und die Stimme: der Mythos kennt kein besseres Befriedungsmittel als diese Paarung, deren andere Seite mit aufrüttelndem und kämpferischem Effekt die ebenso alte Verbindung von Posaune und Pauke ist. Hier also, im neo-romanogotischen Rundbau Johannes Otzens aus dem Jahr 1894 (eine Augenweide für sich), das akustische Bezwingungs-Duo, das auch das der Reflexion und des melancholischen Rückzugs ist.

Während man gut 500 Jahre dieser Mixtur durchlief, stand leitmotivisch Francis Poulencs „À sa guitare“ am Beginn. Intonatorisch noch etwas wackelig, was die Stimme Jarousskys betraf. Aber dann, im ihr sehr vertrauten Habitus italienischer und englischer Renaissance und Barockherkunft (Giordani, Caccini, Dowland, Purcell) mit gewohnter Sicherheit. Etwas kantiger und schmelzloser, was dem homogenen Fluss der Vokallinien jedoch nicht abträglich war: Glanz mutierte zum Seidenmatt.

Besonders nachdrücklich gelang John Dowland, den Garcia als „the grandfather of the guitar“ bezeichnete. Das Zupfinstrument beim obligaten Leidens- und Hoffnungsformat als expressive Punktsetzung, Kompression und Verknotung in einem unterschwelligen, vegetativen Nervensystem. Mozarts „Abendempfindung“, Schuberts „Erlkönig“, Rossinis „Di Tanti palpiti“: die countertenorale Stimmführung, die ihre fragile Timbregrenze bewachen muss, kann da natürlich nicht in die Artikulationsfülle cis-männlichen und cis-weiblichen Volumens einmünden. Wo, wie bei Gabriel Fauré etwa, ein seraphisch-klassizistischer Ton vorherrscht, gelingen aber treffliche Ergebnisse. Bestens vertrug sich die hohe, männliche Stimme auch mit latino-hispanischer Liebeslyrik und den dort smart eingetrübten erotizistischen Melismen.

Höhepunkt des Abends war Benjamin Brittens „Il est quelqu’un sur terre“: ein wunderbares Wiegen- und Sterbelied für Erwachsene. Trostreiche Zugabe: Franz Schuberts „Ave Maria“ in tieferer Transponierung.

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