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Jan Lisiecki spielt Ludwig van Beethoven: Tastentrubel und Brillanz

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Von: Bernhard Uske

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Fokus-Künstler Jan Lisiecki Foto: Ansgar Klostermann/RMF
Fokus-Künstler Jan Lisiecki. © Ansgar Klostermann/RMF

Jan Lisiecki mit fünf Klavierkonzerten van Beethovens im Rheingau

Die fünf Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens an zwei aufeinanderfolgenden Abenden spielte Jan Lisiecki, der heuer Fokus-Künstler des Rheingau Musik Festivals ist. Der 27-jährige Kanadier trat gemeinsam mit dem Chamber Orchestra of Europe (COE) auf.

Man hielt sich an die Entstehungsgeschichte der Werke, was das 2. Konzert an den Anfang setzte. Denn das erste ist nach dem zweiten vollendet, wenngleich vor dem zweiten uraufgeführt worden. Tatsächlich hatten die Klänge und Rhythmen im Wiesbadener Friedrich-von-Thiersch-Saal zu Beginn öfters noch nach mozartischer Gediegenheit und Gefälligkeit geklungen, die dann mit dem 1. Klavierkonzert und seinem schlag- und marschartigen Auftritt im damals neuesten, französisch inspirierten Habitus verflogen waren. Dieser eigentliche Beethoven-Start in des Komponisten Konzertproduktion wurde klugerweise durch die Ouvertüre zu seiner Ballettmusik „Die Geschöpfe des Prometheus“ eingeleitet, deren Idee mit jenem heroischen Zug harmonierte, der zu einem Markenzeichen des öffentlichkeitswirksamen Komponierprogrammatikers werden sollte.

Brillanz kennzeichnete das perfekte Spiel des COE, dessen Konzertmeister, José Maria Blumenschein, das gut 50 Mitglieder umfassende Ensemble vom ersten Pult aus beflügelte. Überhaupt war der Freiburger Geiger brasilianischer Abstammung Maître de Plaisir beider Abende. Im Programmheft wurde zwar als Solist und zugleich als Leiter des Ganzen Jan Lisiecki ausgewiesen, der widmete sich aber ganz der Tastatur seines Instruments. Die enorme Transparenz des Tutti, die herausragenden bläsersolistischen Passagen, die knappe und wo nötig auch dezente bis spartanische Diktion gingen in ihrer Selbstsicherheit und Unangestrengtheit auf das Konto Blumenscheins.

Lisiecki hatte mit seinem gewaltigen Pensum (am ersten Abend die Konzerte Numero 1 bis 3) genug zu tun, zumal er bei der kleinsten belebteren und schnelleren Partie sogleich in den höchsten Gang schaltete und ziemlich viel Élan terrible auf den Tasten veranstaltete. Das Unbekümmerte, Sportive und fast Zirzensische seines Spiels trafen sicher den virtuosen Aspekt des beethovenschen Könnens, ließ aber tektonische Raffinesse und explorative Abständigkeit vermissen.

Spezifische Darstellungsarten der Ruhe und Kontemplation waren es durchaus, die Beethoven zum Schöpfer säkularer Andächtigkeit und Besinnlichkeit gemacht haben. Sie kamen zum ersten Mal voll zum Tragen erst im 3. Klavierkonzert, dessen zweiter Satz mit seinen Anspielungen auf die liebesmahlhafte Kerkerszene des Fidelio mit ihrer Brot-und-Wein-Agape dafür zum Prototyp geworden ist. Hier war das reflexhafte Anspringen auf jeden rhythmischen Köder kaum möglich und kamen Bezwingungen anderer Art ins Spiel.

Am zweiten Abend bot die zusehends sich anreichernde Faktur der Sätze dem Tastentrubel Lisieckis mehr Widerstand und so öfter reizvolle Querstände. Die langsamen Sätze zeigten die typische erhabene Verinnerlichung und wurden mit Spannkraft im Tutti und Solo bestens vermittelt. Die hochartistisch genommenen finalen Rondos gaben dann wieder Gelegenheit zur pianistischen Prankenleistungsschau.

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