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„Eine wahrhaft geistliche Musik, die ohne Liturgie und Kirche auskommt“: Beethovens „Missa Solemnis“ am 20. August 1871 in Bonn (Holzstich nach Knut Ekwall).
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„Eine wahrhaft geistliche Musik, die ohne Liturgie und Kirche auskommt“: Beethovens „Missa Solemnis“ am 20. August 1871 in Bonn (Holzstich nach Knut Ekwall).

Beethoven-Jahr

Beethovens Botschaft an die Menschheit

Seine kommunikative Musik will sich dem einzelnen Ich mitteilen und lässt sich mit anderen teilen, grandios auch in der Missa Solemnis. Ein Essay von Jan Assmann.

Was ist eigentlich das Besondere an Beethoven? Alles! Er hat ein neues Zeitalter der Musik heraufgeführt. Alle Musik seitdem, jedenfalls auf 100 Jahre hinaus, stand in seinem Bann. Das kann man weder von Bach noch Händel, Haydn oder Mozart sagen. Diese Vier waren aber die Riesen, auf deren Schulter sich Beethoven stellte, um weiter zu sehen – in das musikalische Zeitalter, das er heraufführte. Dreißig Jahre lebte Beethoven im 18. Jahrhundert, lange genug, um dann, auf Augenhöhe mit Haydn und Mozart, die entscheidenden Schritte in eine neue musikalische Welt zu tun und zu dem Komponisten des 19. Jahrhunderts zu werden. Schon 1795, als Schüler von Haydn, hatte er mit den Klaviertrios op. 1 und den Klaviersonaten op. 2 sein coming-out und trat mit dem Anspruch auf, „Beethoven“ zu sein. Haydn nannte ihn scherzend den „Großmogul“. Schon diese frühen Werke verraten die Pranke des Löwen. Aber mit epochemachenden Werken trat der wahre Beethoven erst zur Jahrhundertwende ans Licht. Die Wende fällt zusammen mit der beginnenden Taubheit und seinem Kampf gegen das Schicksal.

„Von nun an will ich einen anderen Weg beschreiten“, soll Beethoven zu seinem Schüler Carl Czerny nach Vollendung der zauberhaften Sonate op. 28 gesagt haben. Das war 1801. 1802 erschien die „Sturmsonate“ op. 31.2, 1803 die 2. Sinfonie und das dritte Klavierkonzert. Das waren ganz neue Töne. Dann ging es Schlag auf Schlag. „Volksreden an die Nation“ hat Adorno die Sinfonien genannt. Volksreden, gewiss, aber ohne die geringsten Zugeständnisse an den Massengeschmack. Seine Sinfonien sprechen eine ganz neue Sprache, die Sprache der Überwältigung. Ihre Signatur ist das Appellierende, Fanfarenhafte, Martialische, zornig Dreinfahrende. Das war nicht mehr Sturm und Drang, sondern das waren unerhörte, politische Klänge, und sie elektrisierten ganz Europa. Kein Komponist hat wie Beethoven den Nerv der Zeit so getroffen.

Beethoven schrieb für ein neues Publikum, das er sich mit seinen sinfonischen „Volksreden“ selbst geschaffen hatte. Unterstützt zwar von hochadligen Mäzenen, den Fürsten Lobkowitz, Lichnowsky, Kinsky und anderen, wandte seine Musik sich doch an eine bürgerliche Öffentlichkeit, die es bis dahin nicht gab und die sich in der Rezeption und Diskussion seiner Musik allererst konstituierte. Um Beethovens Musik herum entstand eine ganz neue kritische, ästhetische Diskurswelt, die sich in neu gegründeten Musikzeitschriften artikulierte. Federführend war E.T.A. Hoffmann; seine Rezension der 5. Sinfonie setzte die Maßstäbe, und die Diskussionen seiner Serapionsbrüder über „alte und neue Kirchenmusik“ entzündete sich an Beethovens C-Dur Messe op. 86.

Beethoven schrieb für eine Öffentlichkeit, wie sie bisher allenfalls Schiller im Blick hatte. Das war nicht die deutsche oder österreichische Nation, sondern Europa. Schiller hatte ja in seinen Dramen die Geschichte so gut wie aller europäischen Nationen behandelt. Erst nach seinem Tode wurde Beethoven als der deutsche Nationalkomponist vereinnahmt. Entsprechendes widerfuhr Schiller und Goethe. Beethoven wirkte und verstand sich in einem europäischen Kontext, ganz anders übrigens als Schubert, der als Komponist durch und durch Wiener war und doch auf gleichem Niveau komponierte. Beethovens Wendung ins Große und Weite zielte auf das Menschheitliche. Seine Musik ist für die Menschheit geschrieben und bezieht daraus ihr Pathos der Größe.

Der Wendung nach außen in den großen Orchesterwerken korrespondiert eine Wendung nach innen in der Kammermusik, den Klaviersonaten und Streichquartetten. So erschließt Beethoven ein musikalisches Ausdrucksspektrum von nie gekannter Spannweite zwischen dem pianissimo der „innigsten Empfindung“ und den fortissimo-Schlägen „titanischer“ Gewalt.

Beethoven schrieb eine im höchsten Sinne kommunikative Musik. Sie will sich mitteilen, in beiden Richtungen: „sich“, das eigenwillige, eigensinnige, leidende Ich, und „mit-teilen“, mit anderen teilen, tendenziell mit allen. Auf der einen Seite will sie aufrütteln, aufpeitschen, überwältigen, auf der anderen Seite findet sie Töne der zartesten, tiefsten Sehnsucht wie im dritten Satz des Streichquartetts op. 59,1 (Adagio molto e mesto) oder dem ersten Satz der Klaviersonate op. 110 (Moderato cantabile molto espressivo).

Wie nahm die Welt diese Musik auf? Mit Befremden und Vergötterung. Zu Lebzeiten war eine derartige Vergötterung nur einem Komponisten vor ihm zuteil geworden, den Beethoven überdies für den größten Komponisten hielt, der je gelebt hat: Georg Friedrich Händel. „Mit so wenig Mitteln so große Wirkungen hervorzubringen“, darin war Händel für Beethoven Vorbild, denn auf große Wirkungen war auch er aus und wollte dabei „immer einfacher werden“. Besonders liebte er den Messiah. Im „Halleluja“ (woraus Beethoven in der Missa ein Thema zitiert) fand er das überwältigende Pathos der Größe, in anderen Stücken zarteste Empfindsamkeit, z.B. die Arie „He shall feed his flock“, die ihn offenkundig zu dem überirdischen Benedictus der Missa inspiriert hat. Auch bei Händel zeigen sich schon Ansätze zur bürgerlichen Musikkultur: die heilige Stille, die er forderte, wenn seine Musik erklang, der Kult, der sich um einige Werke, besonders Messiah, entwickelte wie die Sitte, sich beim „Halleluja“ zu erheben. Auch Händel hielt in seinen Oratorien Reden an das englische Volk, das sich mit Israel identifizierte. Händel verkörperte, ganz anders als Bach, Mozart oder Haydn, die Größe des öffentlichen Künstlers, die Beethoven für sich fühlte und forderte.

Zur Person

Jan Assmann, Jg. 1938, ist Ägyptologe. Er lehrte an der Universität Heidelberg und leitete ein Forschungsprojekt in Luxor (Oberägypten). Er ist Autor zahlreicher Standardwerke zu religionshistorischen Themen und Fragen des kulturellen Gedächtnisses. Er wurde u.a. mit dem Deutschen Historikerpreis, dem Sigmund- Freud-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (mit Aleida Assmann) geehrt.

Zuletzt erschien: „Kult und Kunst. Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst“, C.H. Beck, 272 S., 28 Euro.

Beethovens Werk, das die musikalische Welt verwandelt hat wie das 19. Jahrhundert die Welt überhaupt (J. Osterhammel) entstand im Kontext unzähliger Skizzen. Er musste seinen Weg finden in einem Labyrinth unendlicher Alternativen. Als Kompass diente ihm die Devise „immer das Ganze vor Augen“. Als sein größtes Werk erschien ihm seine Missa Solemnis (zu der über 600 Seiten Skizzen existieren). Sie wuchs sich aus im Zuge der Komposition und wurde viel größer als ursprünglich gedacht als Festmesse für die Inthronisation Erzherzog Rudolphs zum Erzbischof von Olmütz am 20.März 1820.

Beethoven nahm sich viel Zeit für dieses Projekt und begann ein Jahr davor. Beendet hat er es aber erst drei Jahre später, und noch 1824 nahm er letzte Korrekturen vor. Darin zeigt sich Beethovens ganze Kompromisslosigkeit, wenn es um Kunst und Größe geht. Die Formidee, die sich erst im Fortgang der Komposition entwickelt und ihren eigenen Formwillen entfaltet, muss verwirklicht werden, was immer es für sie zu opfern gilt und sei es die Kapellmeisterstelle in Olmütz.

Was war aber nun die „Formidee“ der Missa Solemnis? Meine These ist, dass Beethoven, der zunächst durchaus an eine liturgische Aufführung gedacht hatte, eine wahrhaft geistliche Musik schaffen wollte, die ohne Liturgie und Kirche, ohne sakralen Rahmen, auskommt, das Sakrale mit rein musikalischen Mitteln verwirklicht und jeden Raum, in dem sie erklingt, in eine Kirche verwandelt. Rufen wir uns abschließend Beethovens Missa kurz in Erinnerung:

Das Kyrie öffnet den sakralen Raum „mit Andacht“ und verbreitet Stimmung und Atmosphäre des Heiligen, langsam schreitend und in reinem Wohlklang. Eine Solostimme lässt den Kyrie-Ruf des Chors nachklingen wie im inneren, subjektiven Nachvollzug. Im ganzen Stück spielen die Solisten diese Rolle.

Im Gloria öffnet sich in furiosem, ekstatischem Aufschwung der Himmel. Der Gegensatz von Himmel und Erde äußert sich musikalisch im Kontrast zwischen dem Lauten, Hohen, majestätisch Strahlenden und dem Leisen, Tiefen, Demütigen der conditio humana. Skalen bilden Himmelsleitern von oben nach unten nach oben. Dieser Gegensatz bestimmt auch die folgenden Sätze.

Das Credo bildet die Mitte der Missa. Er überlässt es fast ganz dem Chor, das heißt der „Gemeinde“. Nur in den Takten, die dem irdischen Leben Jesu gewidmet sind, das Herzstück der Mitte, treten die Solisten auf, und stimmen dann erst wieder ganz am Schluss der grandiosen Fuge et vitam venturi mit dem Chor in das Amen ein.

Die große Überraschung kommt im Sanctus. Statt des Jubels der himmlischen Seraphim beginnt es im irdischen Register, tief, leise, voller Demut, Ergriffenheit, Andacht. Statt der Pause, in der der Zelebrant die Wandlung vollzieht, erklingt eine leise, durch tiefe Tonarten mäandernde Improvisation, wie sie im Gottesdienst der Organist zur Wandlung spielt, bis sich nach 32 Takten aus höchster Höhe vom dreigestrichenen G in kleinen Schritten die Solovioline zum Benedictus herabsenkt. Ist es der Heilige Geist, der sich auf Kelch und Brot niederlässt? Ist es Jesus, der in Brot und Wein präsent wird? Beethoven kostet diesen allerheiligsten Moment in betörender, überwältigender Lieblichkeit aus. Das zeigt, dass er den Gottesdienst nur noch musikalisch feiern will. Er braucht keine Priester mehr.

Das Agnus Dei beginnt inständig flehend in der „schwarzen Tonart“ h-Moll und geht dann zum Dona nobis pacem in umso strahlenderes D-Dur über. „Bitte um innern und äußern Frieden“ schreibt Beethoven darüber. Er denkt nicht an den Frieden mit Gott, sondern an den ganz konkreten, irdischen Frieden zwischen Völkern und Menschen und baut Kriegsfanfaren und Kanonendonner ein, um das „miserere“ und „dona pacem“ mit dem Horror des Krieges zu verbinden. Die Missa schließt nicht mit endlosem „Amen, amen“, sondern ziemlich abrupt mit „Pacem! Pacem!“ In seiner Missa öffnet Beethoven gewissermaßen den Himmel und stellt Leitern zwischen Himmel und Erde auf. In allen fünf Teilen finden sich solche Skalen, am auffallendsten in Gloria, Credo und Dona nobis pacem.

Als Ignaz Moscheles seinen Klavierauszug der Oper Fidelio mit dem Vermerk „beendet mit Gottes Hilfe“ Beethoven überreichte schrieb dieser darunter „O Mensch, hilf dir selber!“ Was war nun die Botschaft? In der 9. Sinfonie, dem Seitenstück der Missa Solemnis, findet seine Botschaft ihren klarsten Ausdruck: Der Menschheit ihr gemeinsames Anliegen, ihr Streben und Ziel, zu Bewusstsein zu bringen, kurz: der Menschheit zu sich selbst zu verhelfen.

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