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James Taylor in der Frankfurter Jahrhunderthalle: Von Süchten und Freundschaften

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Von: Volker Schmidt

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James Taylor. Foto: Anna Moneymaker/Afp
James Taylor. Foto: Anna Moneymaker/Afp © afp

Singer-Songwriter James Taylor in der Jahrhunderthalle.

Wäre dieses Konzert ein Film, es bekäme mindestens vier Oscar-Nominierungen: einen für die Hauptrolle und drei für die Instrumentalisten, die James Taylor als „All-Star Band“ in der Jahrhunderthalle dabei hat. Selbst der ebenfalls dreiköpfige Background-Chor hat mehr drauf als nur Hintergrund-Schalala.

Wäre dieses Konzert ein Film, er liefe im Arthouse-Kino. Unter den großen Singer-Songwriter:innen ist James Taylor wohl der in Europa am wenigsten bekannte, tritt hinter Bob Dylan, Neil Young (auf dessen Album „Harvest“ er mitgewirkt hat) und Leonard Cohen (mit dessen Ex-Freundin Joni Mitchell er liiert war) zurück. Aber er hat eine kundige, andächtig lauschende Fangemeinde, auch wenn das schon vor der Pandemie geplante, ausverkaufte Konzert durch die letzte Verschiebung wegen Taylors Corona-Infektion etwas Publikum verloren hat.

Dieses Konzert ist kein Film. Man muss wissen, dass der Opener „Something in the Way She Moves“ George Harrison zu „Something“ inspirierte. Die Beatles gaben Taylor 1968 seinen ersten Plattenvertrag bei ihrem Label Apple. Beim John-Denver-mäßigen Heimatsong „Carolina in my Mind“ spielte Paul McCartney den Bass.

Wäre dieses Konzert ein Film, es bräuchte Rückblenden für die Vorgeschichte. Man merkt es den Plaudereien des netten 74-jährigen Herrn in Batschkapp und ländlicher Hose-Sakko-Kombi nicht an, dass er als depressiver Teenager mit 15 einen Suizidversuch beging und viele Jahre heroinabhängig war. Die Sucht verarbeitet Taylor in seinem wohl bekanntesten Song „Fire And Rain“ von 1970. Los wurde er sie erst 1983 nach dem Tod seines Freundes John Belushi; den damals entstandenen Song „That’s Why I’m Here“ widmet er in Frankfurt allen, die gegen die Sucht kämpfen – „wenn ihr euch gelegentlich die Kante gebt, ist’s auch okay; nur weil ich nicht damit umgehen kann, müsst ihr nicht aufhören“.

Schlaflied in Countryfarben

Taylor spielt Perlen aus seinem Katalog, das North Carolina gewidmete „Copperline“, „Country Road“, das Carole-King-Cover „Up on the Roof“, „You Can Close Your Eyes“, das er mit Joni Mitchell aufgenommen hat und später mit Ehefrau Carly Simon gesungen. Vom zum Beginn der Corona-Pandemie erschienenen Album „American Standard“ singt er das Dinah-Washington-Cover „Teach Me Tonight“. Nur manchmal scheint sein Timbre ein wenig von der just überstandenen Infektion getrübt.

Am Schlagzeug sitzt Steve Gadd, einer der einflussreichsten Drummer des 20. Jahrhunderts, und auch Jimmy Johnson am Bass und Gitarrist Michael „the Man“ Landau gehören zu den gefragtesten Studiomusikern zwischen Jazz und Pop. Die beiden Damen im Background-Chor sind selbst Songwriterinnen, Andrea Zonn spielt nebenbei auch noch Geige.

Diese Fiddle und Landaus schwebende Magic Chords, die an den Klang eine Pedal Steel erinnern, färben Songs wie das Cowboy-Lullaby „Sweet Baby James“ in Country-Farben. „Steamroller“ bekommt einen sumpfbluesigen Charakter, und Titel wie „Mexico“ oder Stop Thinkin‘ About That“ sind tanzbar bis funky. Taylors größten Hit, von Carole King übernommen, hebt er sich für die Zugaben auf: „You’ve Got a Friend“.

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