Liederabend Jakub Józef Orlinski (Countertenor), Michal Biel (Klavier).

Liederabend

Jakub Józef Orlinski: Diese Augen müssen weinen

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Jakub Józef Orlinski beim virtuosen Liederabend im Frankfurter Opernhaus.

Der Countertenor Jakub Józef Orlinski füllt im Nachgang zu seinem fantastischen und ebenso fantastisch tanzenden Rinaldo im Bockenheimer Depot (2017 war Premiere) das Frankfurter Opernhaus auch als Liedersänger weit überdurchschnittlich. Alle Ränge sind geöffnet, der Sänger staunt, als er das später bei für ihn etwas günstigeren Lichtverhältnissen bemerkt. Natürlich kokettiert er auch. Er ist der Typ, dem die Herzen zufliegen, und das ist nicht dumm von den Herzen.

Als Sänger und Mensch an der Rampe ist der 28-Jährige von stählerner Sicherheit, die Altstimme warm, eigen und außerordentlich groß. In der Höhe glänzt sie in allen kalten und warmen Farben und ist dermaßen unter Kontrolle, dass keine Vibratoschwingung dem Zufall überlassen scheint. In der beträchtlichen Tiefe wird sie bruchlos und einnehmend zur Stimme eines sehr jungen Mannes. Die abwechslungsreichen Koloraturen, denen das Programm nicht gewidmet ist, die aber wirkungsvoll platziert wurden, sitzen ohne Fehl, das Anstrengungslose hat schon eine freche Seite.

Umso schöner und klüger, dass Orlinski sich gegen ein reines Barockprogramm entschieden hat. Vor der Pause gibt es eine Auswahl nicht überstrapazierter italienischer Arien von Händel und Zeitgenossen, die das Panorama barocker Möglichkeiten öffnen: große, tragische Stücke (Händels „Voi, che udite il mio lamento“ aus „Agrippina“), neckische Schnörkeleien (Giuseppe Maria Orlandinis „Che m’ami ti prega“, aparterweise ebenfalls aus einer Nero-Oper), virtuose Gefühlsduseleien (Luca Antonio Predieris „Dovrian quest’occhi piangere“) und jene Rasanz, bei der Orlinski noch lange Atem hat, wenn das Publikum schon nach Luft schnappt (Händels „Spera, che tra le care gioie“ aus „Muzio Scevola“). Das wahrlich lamentierende Händel-Lamento „Pena tiranna io sento al core“ ist dann der perfekte Übergang zu polnischen Liedern des 20. Jahrhunderts: von dem „Król Roger“-Komponisten Karol Szymanowski, dem Szymanowski-Verehrer Tadeusz Baird (1928–1981) und dem 1968 geborenen Pawel Lukaszewski.

Nicht nur wird man hier Ohrenzeuge der Schönheit der gesungenen polnischen Sprache, Orlinski zeigt auch, dass man kein anderer werden muss, um neben Barockmusik Werke der Gegenwart zu schätzen. Das ist bei ihm keine andere Welt, sondern die logische Fortsetzung musikalischer Möglichkeiten. Zum Fahlen, In-sich-Ruhenden kommen nun statt der Koloraturen aufregende kleine Glissandi. Die Stimmung ist anders, aber dem ersten Teil nicht diametral entgegengesetzt.

In Lukaszewskis bildstarkem „Herbst“ soll sich der Pianist auch improvisierend zeigen. Orlinskis Begleiter Michal Biel macht nicht nur hier auf sich aufmerksam, sondern den ganzen Abend über mit einem weichen, singenden Anschlag und einer unbeirrbaren Aufmerksamkeit für den Sänger. Wer am Klavier begleitete Barockopernarien trotzdem halbgar findet, konnte sich im zweiten Teil vollends überzeugen lassen.

Ein geschmackvolles Sträußchen an Zugaben, am betörendsten Henry Purcells „Strike The Viol“, und auch eine Nummer von Orlinskis CD „Anima Sacra“, der just ein Opus Klassik zugesprochen wurde.

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