Konzert

Die große Entschleunigung

  • schließen

Niveauvoller verzaubern: Bon Iver beim Schlachthof-Konzert im Wiesbadener Kurpark

Schwelgerisch wirkt die Musik von Bon Iver. Mit dem zuweilen dick aufgetragenen Pathos berührt der einstige Indiefolkrocker Justin Vernon, der hinter diesem Projektnamen steht, hier und da die Grenze zum Kitsch, ohne sie ernstlich zu überschreiten. Der 39-jährige US-amerikanische Sänger, Songschreiber und Gitarrist aus Wisconsin, seit Erscheinen seines Debüts „For Emma, Forever Ago“ 2008 ein Liebling der Kritik wie des Publikums, galt zunächst als ein Erneuerer des Weird Folks.

Inzwischen sind elektronische Klanggeber mit im Spiel und es lässt sich von einem neuen Art Rock sprechen. Sozusagen Soft Machine mit anderen Mitteln; die elegische Weichheit der immer wieder von einer sonoren baritonalen Tiefe in ein vom Soul beeinflusstes Falsett überwechselnden Stimme lässt obendrein Assoziationen zum Gesang von Robert Wyatt zu, Kopf von Soft Machine.

Der vormalige Eigenbrötler ist inzwischen für mitunter große Besetzungen bekannt, fünf bärtige Männer nur zählt jedoch die Band bei ihrem Auftritt beim sommerlichen Open Air des Schlachthofs im Wiesbadener Kurpark. Vom Schlagzeuger abgesehen sind sie sämtlich multiinstrumental. Vor Vernon, der elektrifizierte wie auch akustische Gitarre spielt, ist ein Elektronikpult mit Laptop aufgebaut. Optisch garniert ist der samt Pause zweistündige Abend mit einer attraktiven neopsychedelischen Grafikshow und Lichtblitzen. Für August ist das vierte Album annonciert, einstweilen aber bezieht sich das Repertoire noch auf das Meisterwerk „22, A Million“, den von der vorausgegangenen Zusammenarbeit mit James Blake wie auch mit Kanye West beeinflussten Jahresbestenlistenstürmer von 2016. Dazu natürlich ein retrospektiver Anteil.

Die verlangsamte Musik dieses neuen Romantikers steht für einen Gegenentwurf zur beschleunigten Welt in der Zeit des Internets, ähnlich dem romantischer Künstler des 19. Jahrhunderts in Zeichen der Eisenbahn. Das scheint Wirkung zu haben: Auffällig selten werden an diesem Abend Mobiltelefone in die Luft gereckt, um zu filmen oder zu fotografieren.

Lyrisches fürs Tenorsaxofon

Die Intensität des gesanglichen Vortrags, häufig bearbeitet mit Autotune-Effekten der Verzerrung und des Zerhackens, nimmt bisweilen manische Züge an. Das Klangbild ist kristallklar, in Nummer um Nummer wechselnden Mischungsverhältnissen treffen elektronische Flächen & Fiepen, mal auch Sprachsamples auf Folkpicking und Rockgitarre, das Schlagzeug setzt von Fall zu Fall dramatische Akzente. Dem mit einem rockgeschichtlich gesehen heiklen Ruf belasteten Tenorsaxofon kommen ein paar lyrisch ansprechende Auftritte zu.

Charakteristisch ist der sachte Beginn mit späterer Steigerung zur Klangmacht. Das Hakenschlagen im klanglichen Detail beugt dabei einer Gleichförmigkeit wirksam vor. Bei Bon Iver muss man sich nicht unter Niveau verzaubern lassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion