+
Immer auf die gute Form bedacht: Witold Lutoslawski (1913?1994).

Konzert

Intelligenz ohne Ideologie

Heute vor 100 Jahren wurde der Komponist und Dirigent Witold Lutoslawski in Warschau geboren

Von Jan Brachmann

Eine aristokratische Verachtung für alles Rohe lag schon in der äußeren Erscheinung des polnischen Komponisten und Dirigenten Witold Lutos?awski. Zierlich die Züge, freundlich-distanziert die Umgangsformen – so hat man ihn über Jahrzehnte hinweg in Europa und den USA erlebt. Diese Erscheinung korrespondierte mit seinem ästhetischen Programm: „Ich habe nichts gegen Veränderung und Fortschritt. Das mögen meine eigenen Kompositionen bezeugen. (…) Gleichzeitig aber teile ich nicht die Verachtung gegenüber allem, das nicht absolut neu ist. Wenn das größte Verdienst eines Werkes in seiner Neuheit liegt, dann handelt es sich um ein recht schwaches Stück, das sehr bald veraltet wirken wird“.

Die Musik Lutos?awskis, der heute vor hundert Jahren in Warschau geboren wurde, erfreut sich einer ungebrochenen Gegenwart. Ganz so, als sei der vor neunzehn Jahren Verstorbene noch immer unser Zeitgenosse. Vielleicht, weil diese Musik sich weniger verstrickt hat in die politischen Wirrnisse des letzten Jahrhunderts, obwohl im bundesdeutschen Fernsehen das ZDF-Magazin jahrelang mit der Intrada aus dem „Konzert für Orchester“ eröffnet wurde und Gerhard Löwenthal dann bevorzugt die kommunistischen Regimes in Osteuropa aufspießte.

Die Titel-Musik war auch nicht schlecht gewählt. Entsprang sie doch dem Kompromiss, den Lutos?awski nach dem Zweiten Weltkrieg im kommunistischen Polen hatte eingehen müssen: folkloristisches Material zu verwenden – sozialistischer Realismus also, aber geadelt durch das Vorbild Béla Bartók.

Ab den späten 1950er Jahren ging er andere Wege, jenseits politischen Drucks, jenseits auch des Protestkatholizismus seiner jüngeren polnischen Kollegen. Rein musikalischer Natur waren seine Überlegungen, mit atonalen Reihen zu arbeiten, ohne den farblichen und physiognomischen Charakter der Einzel-Intervalle preiszugeben. Aus seiner Erfahrung als Interpret (er hatte sich während der Kriegszeit seinen Lebensunterhalt als Pianist in Cafés gesichert) speiste sich wohl die Idee der „Aleatorik“: genau kalkulierte Inseln gelenkter Improvisation in seinen Partituren. Durch die scheinbare Freiheit stellte er – im klanglichen Ergebnis – genau jene Komplexität her, die später Brian Ferneyhough durch eine überladene Notation hervorrufen wollte, deren Befolgung beim Interpreten immer nur Annäherungswerte erzielen konnte.

Zudem verabscheute Lutos?awski den Vorrang des intellektuellen Systems vor dem hörenden Erlebnis. Das merkt man seiner Musik an. Ihre Orchestration ist brillant, sinnlich verlockend, klar. Und er hat seine Stücke stets fasslich gegliedert, so dass man beim Hören das Vergnügen hat, etwas mitverfolgen zu können, wobei man zugleich überrascht und bezaubert wird. Vielleicht ist Lutos?awski deshalb so gut integriert gewesen in die Institutionen des Musikbetriebs und bedurfte der Obhut von Spezialfestivals nicht. Vielleicht fand er deshalb einen solchen Anklang bei großen Interpreten: Sein Cellokonzert wurde von Mstislaw Rostropowitsch uraufgeführt, sein Violinkonzert von Anne-Sophie Mutter, sein Klavierkonzert von Krystian Zimerman. Besseres kann sich ein Komponist kaum wünschen.

Beim Klavierkonzert verblüffte Lutos?awski die Musikwelt, als er Sergej Rachmaninow, der doch als „letzter Romantiker“ galt, unter seinen Mentoren erwähnte. Er hatte den russischen Komponisten und Pianisten noch 1936 mit dessen „Paganini-Rhapsodie“ in Warschau erlebt. Bei einem so avancierten Autor hätte man dieses Bekenntnis nicht erwartet. Aber gerade das zeichnete ihn aus: die konsequente Trennung von Intelligenz und Ideologie. In gewisser Weise hat er versucht, die bürgerkriegshafte Attitüde der Avantgarde zu zivilisieren: „Ich wollte etwas Konstruktives und nicht Destruktives schaffen, so weit man das im gegenwärtigen historischen Moment eben kann. Ich reihe mich nicht in die Armee der Zerstörer ein. Ich möchte Musik schreiben, die das Plus- und nicht das Minuszeichen trägt, selbst wenn es in technischer Hinsicht avanciertere Musik als die meine geben mag“.

Geburtstagskonzert für Witold Lutos?awski mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski, Sonntag, 27. Januar, 20 Uhr, Konzerthaus.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion