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Michael Wollny mit The Norwegian Wind Ensemble und (unsichtbar) Trollen.
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Michael Wollny mit The Norwegian Wind Ensemble und (unsichtbar) Trollen.

Michael Wollny in der Alten Oper

Inselhopping ohne Wiederkehr

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Das Norwegian Wind Ensemble und Michael Wollny improvisieren einmalig über Faun & Troll.

Der Troll mag es wohl gern halbwegs hell, zumindest dämmerig, und so bleibt das Licht im Saal an, als der Nachmittag der Trolle beginnt. Die Querflöte nimmt eingangs das Originalthema auf, die „Prélude de l’après-midi d’un faune“ von Claude Debussy, Leitmotiv der Saisoneröffnungswochen in der Frankfurter Alten Oper. Was dann kommt, ist ein einmaliges Ereignis – die Improvisation eines Orchesters und zweier Solisten. Was sie spielen, wird es so kein zweites Mal geben.

Michael Wollny, der Pianist, gesellt sich mit zunächst handgezupften Klaviersaitentönen zur Querflöte. Kontrabassist Christian Weber schabt dazu mit weit ausladenden Bewegungen den Bogen geräuschvoll übers Instrument. Hinten randaliert der Schlagzeuger. Dann, als Tuba, Hörner und Fagott erwachen, ein Moment der Wonne. Harmonisch ist es nicht oft, aber aufregend, was die rund 25 Musiker des Norwegian Wind Ensembles unter Leitung von Geir Lysne spielen. Wo ist er eigentlich, der Dirigent? Da – am zweiten Klavier, fast unsichtbar, den Rücken wie Wollny zum Publikum.

Niemand hat Noten vor sich. Zwei Dutzend Leute im Halbkreis und keiner, der sagt, wo’s lang geht, kann das funktionieren? „Ein klassisches Ensemble, das sich einfach hinstellt und frei improvisiert“, wird Wollny später beim Gespräch im Mangelsdorff-Foyer sagen, „das ist einmalig.“ Zuvor aber sitzt er zappelig am Klavier und setzt Akzente, während sich um ihn herum immer wieder kleine Grüppchen zusammenfinden, Töne und Geräusche produzieren. Sehr zurückgenommen anfangs, sehr sacht; so sacht mitunter, dass man bereut, vorab noch ein Brötchen verzehrt zu haben, das nun einen privaten Beitrag zur Improvisation leistet.

Ohrenscheinlich geschehen mysteriöse Dinge, wo der Troll wohnt. Die Musik beschreibt es in bizarren Wendungen. Sogar das „Notausgang“-Schild links hinter der Bühne kann sich dem nicht entziehen und flackert fortwährend. Weitere frappierende Erkenntnisse: Wie schön so ein sanftes Bläser-Tutti sein kann. Und was dieser Bassist alles aus seinem Instrument herausholt.

Mal leitet die Oboe eine gemeinsame kleine Melodie ein. Immer wieder mal tippt sich der Posaunist auf den Kopf, offenbar ein verabredetes Zeichen. Mal singt das ganze Ensemble die Töne nach, die Wollny spielt, der vielfach ausgezeichnete und doch erst 38-jährige Star unter den Jazzpianisten. „Tsch, tsch – aaaah.“ Der Chor. Bamm! Der Schlagzeuger, der mittendrin die eigenen Kollegen erschreckt.

Der bescheidene Solist

Nach einer guten Stunde ist es vorbei. Alle wollen mit ins Foyer zum Bargespräch. „Ich bin umgeworfen“, sagt Moderator Wolfram Knauer dort zu Wollny, und: „Ich habe dich noch nie so wenig spielen gesehen.“ Da erklärt der Solist bescheiden: Er trage Kadenzen bei, er schließe Zyklen ab, er fülle Lücken, „wenn ich merke, da ist noch Luft in der Frequenz“. Voriges Jahr hat er mit den Norwegern improvisierend den Gruselstummfilm „Nosferatu“ begleitet.

Diesmal, für den Troll, dachten sie sich alle gemeinsam eine Geschichte aus, das ganze Orchester. „Wir nähern uns einer Insel“, beschreibt Wollny, „wir spielen die Insel, wir entfernen uns und kommen zur nächsten Insel.“ Das Publikum strahlt. Musiker müsste man sein, nie erwachsen werden müsste man dann. Oder Troll.

„Was ist ein Troll für das Selbstverständnis eines Norwegers?“, fragt Knauer den Dirigenten. „No comment“, sagt Geir Lysne. Alle lachen. „Aber er ist kein Faun?“ – „No.“ Wollny: „Er ist kein Faun, aber er ist auch so etwas“, sagt Wollny als Nichtnorweger. Also: so etwas Ähnliches. Das Ensemble hört lächelnd zu. Was auch immer der Troll ist, sein Nachmittag war, wie gesagt, einmalig. Auch wenn er eigentlich ein Abend war.

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