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Insel der Flexiblen

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Im  Teatru Manoel in Maltas Hauptstadt Valletta: Dirigent Brian Schembri und das Malta Philharmonic Orchestra proben Brahms.
Im Teatru Manoel in Maltas Hauptstadt Valletta: Dirigent Brian Schembri und das Malta Philharmonic Orchestra proben Brahms. © Stefan Schickhaus

Wilhelm Furtwänglers größter Fan: Dirigent Brian Schembri und sein Malta Philharmonic Orchestra eröffnen mit Joseph Calleja die Europa-Kulturtage der EZB in Frankfurt.

Von Stefan Schickhaus

Die Frau mit dem Staubwedel meint es ernst. Über die Brüstung des ersten Rangs des Teatru Manoel gelehnt, staubt sie den Kronleuchter ab, die Kristalle klingeln wie Glöckchen. Sicher, eine glasklare Wandlampe ist eine Zierde für jedes Theater, und das Teatru Manoel in Maltas Hauptstadt Valletta, 1732 erbaut, ist immerhin das drittälteste bespielte Theater der Welt. Doch auf der Bühne wird gerade Brahms zweite Sinfonie geprobt, der Finalsatz, und da passen keine Glöckchentöne. Dirigent Brian Schembri, Jahrgang 1961, eher Heißsporn als kühler Pultstratege, zeigt ohnehin viel Geduld für die notwendige Reinigungsarbeit. Doch dann fährt sein linker Zeigefinger heraus und er bringt mit ein paar Worten den Nebenschauplatz zum verstummen.

Eine zusätzliche Musikerin mit Staubwedel braucht er wahrlich nicht, Schembri hat ohnehin schon beinahe zu viele Brahms-Spieler auf der Bühne. Rund 65 sind es, keine Riesenbesetzung. Aber das Manoel-Theater ist klein, 623 Plätze hat es nur, die Spielfläche ist entsprechend beengt. Eine Brahms-Sinfonie geht da schon an die Grenze. Die Ersten Geigen können nicht in die Breite positioniert, müssen vielmehr weit nach hinten gezogen werden, das sei schon schwierig in der Koordination, sagt der Dirigent aus Malta. „Für größere Projekte gehen wir ins Mediterrean Conference Center, das hat aber nicht die gleich gute Akustik. Und auch dort werden wir nicht zu einem Mahler-Orchester, das ist nicht unsere Größe. Wir können höchstens die vierte Sinfonie machen, das ist unser Format.“ In dieser Vierten braucht man dann übrigens auch Glöckchen, das wäre praktisch.

Das Malta Philharmonic Orchestra ist das einzige feste Orchester des kleinsten Mitgliedsstaates der Europäischen Union. 70 Konzerte gibt es mittlerweile im Jahr, die meisten in Malta selbst, Tendenz steigend, Klassik, Oper, Filmmusik, Begleitung von Rock- und Popkonzerten – „wir spielen alles“, sagt der Oboist John McDonough. „In einem so kleinen Land muss man flexibel sein.“ Diesen Satz hört man oft.

Wer an Malta und Musik denkt, kommt schnell auf das Thema Oper. Nicht nur, weil das einstige Opernhaus der Hauptstadt ein beliebtes Sprungbrett und Experimentierfeld für etliche Operngrößen war – schaffst du’s am Royal Opera House in Valletta, schaffst du’s auch am Royal Opera House in London, war eine bewährte Regel. Das Opernhaus wurde aber 1942 von deutschen Bomben zerstört, die immer mal wieder diskutierte Wiedererrichtung wurde aufgegeben. „Ich denke, das Opernhaus nicht wieder aufzubauen, war eine politische Entscheidung“, sagt Brian Schembri. „Denn bis zum Zweiten Weltkrieg war die kulturelle Szene stark von Italien geprägt. Das Haus wurde sozusagen von Neapel aus bespielt.“ Nach Plänen Renzo Pianos sind heute die Ruinen konserviert, die Bühne ist open air bespielbar, aber nicht für Opern geeignet.

Das aktuelle Orchester hat nicht eine italienische, vielmehr eine englische Vergangenheit, wie die kanadische Flötistin Rebecca Horn berichtet, die seit 20 Jahren im Orchester spielt. Als die britische Marine Malta verließ – Malta war britische Kolonie und erhielt seine Unabhängigkeit erst am 21. September 1964, Brian Schembri feierte an diesem Tag seinen dritten Geburtstag –, fand die 14 Musiker starke Tanzkapelle der britischen Admiralität eine Beschäftigung am Manoel-Theater. „Das Orchester entwickelte sich aus dem kleinen Kern kaum ausgebildeter lokaler Musiker zu einem sehr soliden Klangapparat aus zur Hälfte maltesischer, zur anderen Hälfte internationaler Musiker“, erklärt Rebecca Hall. „Schauen Sie sich im Internet den Live-Mitschnitt des letzten Eroica-Satzes an, wie ihn das Malta Philharmonic spielt: Das ist außergewöhnlich, wirklich fantastisch! Einfach auf einem hohen Niveau.“

Man muss flexibel sein auf einer so kleinen Insel, sagte schon John, der Oboist. Schließlich hat Malta nur die Fläche von Bremen und die Einwohnerzahl von Wiesbaden und Darmstadt zusammen. Und darum haben alle Musiker des Malta Philharmonic noch andere Eisen im Feuer. Wenn jetzt der Inselstaat im Mittelmeer im Zentrum der Europa-Kulturtage der Europäischen Zentralbank steht, die alljährlich in Frankfurt stattfinden, werden so gut wie alle musikalischen Programmpunkte von Orchestermusikern bestritten. Ob Cosmos Wind Ensemble, Big Band Brothers oder Harfenkonzert, wer in Malta Musik macht, kommt am Orchester-Job kaum vorbei.

Heute werden nur noch klein besetzte Opernproduktionen in jenem Teatru Manoel realisiert, das innen durch die Umgestaltung des Jahres 1844 so sehr an das venezianische Teatro La Fenice erinnert. Mediale Aufmerksamkeit auch weit im Norden erreichen dagegen die Opernaufführungen des Teatru Astra und des Teatru Aurora auf der Nebeninsel Gozo – und das nicht wegen ihrer künstlerischen Qualität, sondern wegen des Kleinkriegs der beiden gar nicht kleinen Häuser. Brian Schembri ärgert die ewige Rivalität zwischen den beiden verfeindeten Opernhäusern, die es 1999 sogar geschafft haben, jeweils Verdis „Aida“ auf den Spielplan zu setzen, natürlich in komplett getrennten Produktionen und natürlich für jeweils nur zwei Aufführungen. Niemand aus den beiden Opern-Teams auf Gozo würde offiziell eine Aufführung des anderen Hauses besuchen, obwohl beide Theater in der gleichen Straße liegen und beide sich in ihrem Opernangebot stilistisch kaum unterscheiden. Das Orchester ist dabei selbstredend das gleiche, eben das Malta Philharmonic, es gibt ja kein zweites im Land. Jedes Theater hat aber seinen eigenen Dirigenten – und die sind sogar miteinander verwandt, Onkel und Neffe. Darüber staunt aber auch nur der Fremde, für Brain Schembri ist das ganz natürlich. „Wir sind eine kleine Insel“, sagt er.

„Ich höre Furtwängler, und ich glaube ihm.“

Brian Schembri, der seinerzeit als jüngster Musiker in der Geschichte der Londoner Royal School of Music dort seinen Abschluss erhielt, dann in Kiew und Moskau weiter studierte und seine Dirigentenkarriere 1989 als Assistent von Michel Plasson in Toulouse begann, fühlt sich mehr dem sinfonischen Repertoire zugetan als der Oper. Aber er zählt doch eine ganze Reihe von Opern auf, die ihm wichtig sind, darunter alle Mozart-Opern, Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ (und betont nicht der „Rosenkavalier“!), von Korngold „Die tote Stadt“ – „ich vergöttere diese Oper geradezu, ich habe sie in Lübeck dirigiert“.

Debussys „Pelléas et Mélisande“ kommt noch zu Sprache , und endlich auch zwei Vertreter des italienischen Repertoires, Verdis „Otello“ und „Trovatore“. In Malta selbst funktionieren nur italienische Opern. Das musste Brian Schembri erleben, als er als Intendant des Teatru Manoel Ralph Vaughan Williams’ „Riders to the Sea“ aufs Programm setzte. „Ich wurde einen Kopf kürzer gemacht“, erinnert er sich. Und macht eine unmissverständliche Geste mit der Hand unterhalb seines markanten Lockenkopfes. Als Malteser denkt Schembri bei Oper immer auch die praktischen Schwierigkeiten mit. Musikalisch seien die Werke oft unkompliziert, doch die Realisierung mache immer Probleme, wenn man nur das Budget eines kleinen Hauses zur Verfügung hat. „Das ist immer ein Kampf“, sagt er, der eigentlich nicht den Eindruck macht, vor Kämpfen sich zu drücken. Sicher, eine „Bohème“ dirigiere er auch schon mal wie neulich in Hongkong. Es war ein Job, sagte er. Leuchtende Augen bekommt er dabei nicht. Bei Korngold schon. Und bei Beethovens „Missa Solemnis“, diesem Prüfstein für alle musikalischen Kräfte, an dem schon so viele zerschellt sind. Diese Messe sei „das Beste, was ein menschlicher Geist je erdacht hat.“ Eigentlich unspielbar. Aber er muss sie einmal aufführen, sagt er.

Ein Knall, es riecht streng, die Bühne liegt plötzlich im Dunkeln. Diesmal ist es nicht die Putzfrau, ein brennender Scheinwerfer hat einen Kurzschluss verursacht, nicht nur das Theaterhaus ist eben schon alt, auch die Technik. Brian Schembri nutzt die Zeit, sich befragen zu lassen. Ob er ein Orchester-Ideal habe? „Ich habe vor allem Ideal-Dirigenten, die mich sehr inspiriert haben“, so der immer unter Strom stehende Malteser Orchesterchef, aber: „Sie sind alle tot.“ So sei er ein absoluter Furtwängler-Fan, bekennt er. „Ich höre Furtwängler, und ich glaube ihm.“ Ob Furtwängler immer politisch korrekt gewesen sein, interessiert ihn dabei nicht. „Auch Angela Merkel ist nicht immer politisch korrekt, aber es wäre ihr Job, das zu sein“. Und Brian Schembri kann sich noch weiter versteigen in Aussagen wie: Er wünsche, dass alle Regierungschefs sich so sehr für Orchester, Theater und Ballett engagieren wie Vladimir Putin in den letzten zehn Jahren. Da klingt Brian Schembri, der so sympathische wie enthusiastische Pultmann aus Malta, plötzlich genau wie Waleri Gergijew, der mit seiner Putin-Verehrung kürzlich seinen neuen Münchner Arbeitgeber so irritiert hatte.

Im Alleingang in die Topliga

Wenn man bei Brian Schembri allergische Reaktionen hervorrufen möchte, muss man nur die historisch informierte Aufführungspraxis erwähnen – auch wenn die alleine schon aufgrund der örtlichen Begebenheiten, nämlich dieser besonderen intimen Situation im bezaubernden Teatru Manoel nahe liegen würde. Er machte sogar einmal eine CD-Aufnahme mit dem European Union Chamber Orchestra, Bach-Konzerte, das Orchester war historisch informiert eingestellt. „Ich konnte da nichts machen, die jungen Musiker hatten genaue Vorstellungen, wie Bach klingen müsse. Ich kann damit aber gar nichts anfangen.“ Er denke da eher in der großen deutschen, auch russischen Tradition. „Es kann nicht alles falsch gewesen sein, was Furtwängler gemacht hat.“

Junge gute Musiker für das Orchester zu finden, sei schon ein Problem. „Wer Talent hat, muss einfach weg von Malta, das geht gar nicht anders“, sagt Schembri. Man arbeite derzeit an einer Orchester-Akademie, die jungen Maltesern eine Alternative zum Ausland anbieten kann. Die Musikausbildung in Valletta sei zumindest momentan qualitativ nicht in der Lage, Musikstudenten auf Orchesterniveau zu bringen. „Da müssen sie als Geiger einfach ‚Don Juan‘ von Richard Strauss drauf haben, das ist das Probestück für jede Orchester-Aufnahmeprüfung“, weiß Schembri.

Einer aber hat es quasi im Alleingang geschafft, Malta neues Ansehen zu verschaffen in der Musikwelt: Joseph Calleja, der Tenor, der seit mehr als einem Jahrzehnt in der absoluten Top-Liga mitsingt. Seine Karriere hat der klassischen Musik dort einen gewaltigen Schub verliehen, sagt Schembri. „Jeder kann sehen: Es ist möglich. Man kann von Malta aus Karriere machen. Gerade unsere jungen Sängerinnen und Sänger hat das ungemein motiviert.“ Calleja sei eine nationale Ikone geworden, das ganze Land identifiziere sich mit ihm. „Er ist so gut, so erfolgreich. Es war eine nahe liegende, aber absolut richtige Idee, ihn zum nationalen Kulturbotschafter des Landes zu machen.“ Ein Opernstar, ein Tenor noch dazu – was könnte passender sein! „Mit mir würde so eine Identifikation nicht gelingen“, scherzt der Dirigent. „Meine Musik ist Korngold, Schostakowitsch, mein Lieblingsstück die ‚Missa Solemnis‘. Ich erfülle da nicht ganz die Anforderungen.“

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