Simon Rattle in der Alten Oper.

Simon Rattle

Das Innere kann sich frei bewegen

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Simon Rattle mit dem London Symphony Orchestra und Bruckner in der Alten Oper .

Das, was Simon Rattles Arbeit sowohl beim City of Birmingham Symphony Orchestra, als auch danach bei den Berliner Philharmonikern auszeichnete, scheint er auch beim London Symphony Orchestra zu praktizieren: die Bekanntmachung der Musik des 20. Jahrhunderts.

So war es kein Wunder, dass das Gastspiel des LSO mit seinem neuen Chef in der Alten Oper Frankfurt mit einem achtzig Jahre alten Schlüsselwerk begann: Béla Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“. Der Ausdruck Saiteninstrumente ist dabei durchaus doppelsinnig gemeint: denn das Klavier ist ein Saiten- aber auch ein Schlaginstrument und so auch die Streichergruppen. Umgekehrt kann das Schlagzeug sich dank Tonhöhendifferenzen ins Melodische bewegen.

Modulation und Verschiebung schienen Rattles Interesse am stärksten zu fesseln, denn das Knochige, Pochende und Knisternde der vier Sätze des 1936 entstandenen Werks war jetzt weniger stark ausgeprägt, als man das sonst, mal in eher grellem Farbverlauf, mal grau homogenisiert erlebt. Zumindest gedeckt blieb die Klangfarbigkeit bei den Londoner Instrumentalkönnern, doch sie bot ungeahnte Differenzierung der Abstufungen. Keine Klangbeize, kein stechender Geruch heißlaufender Streich- oder Zupfmotorik. Sondern stehende Dynamik oder mikrologisches Gewusel, was, je geringer der Schalldruck war, um so mehr fesselte. Manch ein Plosivlaut aus erkälteten Brochien hatte so das Zeug, ein 70-Personen-Ensemble trotz vollen Spieleinsatzes zu übertreffen.

Die eigentliche Sensation des Abends aber war die Aufführung von Anton Bruckners 6. Sinfonie A-Dur. Natürlich – das Werk fällt schon in seiner Gestaltbildung aus dem blockhaften, stufendynamisch-kubischen Klangkosmos Bruckners zum Teil heraus. Aber was Rattle mit seinen hochkonzentriert mitgehenden Musikern hier an Fragilität, an Differenz in mikrologischen, gleichwohl bedeutsamen Graden zu Tage förderte, das war unerhört. Einen zarten, einen zerbrechlichen, einen manieristisch-affektierten Bruckner – das hat man sich nicht träumen lassen.

Simon Rattle hatte sich diese Lesart so zu eigen gemacht, dass er selbst vor extremen Zeitstreckungen nicht zurückschreckte. Und damit aus dem sonst immer Halt gebenden sinfonischen Strebewerk Felder freier Assoziation, freier Artikulation sich herausentwickeln ließ.

Der zweite Satz geriet dabei zu einer solchen Formulierungsreichhaltigkeit der Charaktere, dass er zum Zentrum des Ganzen werden konnte. Weit weg von tosender und paukender Klang-Autorität. Der Panzer war gesprengt – das Innere konnte sich frei bewegen.

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