Bob Dylan im Juli 1978 in Paris, also kurz vor seiner Erleuchtung.
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Bob Dylan im Juli 1978 in Paris, also kurz vor seiner Erleuchtung.

Bob Dylan

Inkarnation als zorniger Evangelist

  • vonFrank Junghänel
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Als Bob Dylan seine Karriere fast ruiniert hätte: Die Albumtrilogie "Slow Train Coming", "Saved" und "Shot Of Love" in einer vorbildlichen Edition.

Der Tag, an dem Bob Dylan das Licht gesehen hat, lässt sich ziemlich genau datieren. Im Jahr 1978, gegen Ende seiner Herbsttour durch die USA, hatte ihm bei einem Konzert in San Diego jemand aus den vorderen Reihen ein Silberkreuz auf die Bühne geworfen. Normalerweise kümmere er sich nicht um solche Gaben, sagte Dylan später, als er öffentlich Zeugnis ablegte, aber diesmal war es anders. Er steckte den Anhänger ein und schon bald wusste er, wozu das gut war.

Am 19. November 1978 in einem Hotelzimmer in Tucson, Arizona, sollte es dann passieren. Er war in schlechter Verfassung, wie zuletzt immer öfter. Und abends musste er wieder raus vor die Leute. Gedankenverloren kramte er in seinen Sachen herum, bis er das Kreuz in der Hosentasche fand, und da sei es plötzlich geschehen: „Ich spürte eine Gegenwart in dem Zimmer, die niemand anderes als Jesus sein konnte. Mein Körper zitterte davon. Die Herrlichkeit Gottes hat mich niedergestreckt und erhoben.“

Der Sänger hatte zu dieser Zeit die teure Scheidung von seiner Frau Sara und die zur Gegenfinanzierung notwendigen 115 Konzerte am Stück in den Knochen. Bei denen war er mit seinen alten Protestsongs und neuen Liebesliedern als Entertainer à la Elvis aufgetreten, im strassbesetzen Einteiler, was viele irritierte. Wie auch die Flötentöne in den verblasenen Arrangements der Klassiker. Seine aktuelle LP „Street Legal“ war allgemein durchgefallen, seine vier Kinder waren weg, und die wechselnden Musen küssten ihn höchstens im Tourbus. Da konnte ein Mann schon die Krise kriegen und höheren Beistand brauchen. Selbst als jüdischer Atheist.

Der musikalische Ertrag seiner Begegnung mit Jesus, die er mit dem dreimonatigen Besuch einer Bibelschule in Kalifornien theoretisch unterfütterte, waren drei christlich fundierte Alben, mit denen Dylan seine Karriere um ein Haar vollends ruiniert hätte. Die Plattenverkäufe brachen ein, nur die treuesten Anhänger wollten ihm in seiner Rolle als Wanderprediger folgen, und neues Publikum ließ sich mit gottesfürchtigen Schlagern nicht gewinnen. Gemeinhin gilt diese Periode in seinem Schaffen als künstlerisches Desaster. Aber wie so oft bei Dylan lohnt es sich, genauer hinzuhören – was die sogenannte Bootleg-Serie seit vielen Jahren tut.

Wenn sich jetzt die 13. Ausgabe der sorgsam edierten Archivsammlung der problematischen Phase widmet, in der zwischen 1979 und 1981 die Gospelrock-Alben „Slow Train Coming“, „Saved“ und „Shot Of Love“ erschienen sind, hat sie schon einiges wiedergutzumachen, selbst bei den nachsichtigsten seiner Fans. Das Gospel-Bootleg liegt in zwei Varianten vor, als Doppel-CD, die dem informierten Hörer einen ungefähren Eindruck von diesem Material gibt, und in einer Box mit acht CDs und einer DVD, die im Grunde für jeden unverzichtbar ist, der es wirklich ernst mit Dylan meint. Die Auswahl von 102 Songs, 14 davon bislang unveröffentlicht, wendet sich an alle, die willens sind, jede artistische Kurve in dessen Gesamtwerk nachzuarbeiten. Welcher normale Mensch braucht schon sechs verschiedene Fassungen von „Slow Train Coming“.

Das Stück, mit dem Bob Dylans christliche Periode einst begann, bildet so etwas wie das Leitmotiv in der historisch-kritischen Sicht auf seine Inkarnation als zorniger Evangelist. Der langsame Zug, den er da auf Amerika und die Welt zurollen sieht, hat die Apokalypse geladen, und vieles an Bord klingt tatsächlich prophetisch: „Sheiks walkin’ around like kings. Wearing fancy jewels and nose rings. Deciding America’s future from Amsterdam and to Paris.“ Die Scheichs mit ihren Nasenringen entscheiden an den Märkten von Amsterdam und Paris über Amerikas Zukunft. Die Antwort auf die Frage, wohin der Verlust der industriellen und kulturellen Identität seines Landes führen wird, weiß nicht allein der Wind, sondern Gott. Was aufs Gleiche rauskommt. Am Ende trägt jeder seine eigene Last.

Musikologisch ist „Slow Train Coming“ ein schönes Beispiel dafür, wie sehr sich ein Song innerhalb einer so kurzen Zeitspanne verändern kann. In der frühesten Version von einem Soundcheck 1978 tastet sich die Band vorsichtig in den Groove. Es gibt einen Versuch mit Bläsern, eine erste Live-Aufnahme von 1979, in der der Zug ins Rollen kommt, und schließlich die Mitschnitte von zwei Shows 1981 in London, gegen die der „Slow Train“ aus dem Studio wie eine Spielzeugeisenbahn klingt.

Ähnliche Verwandlungen erfahren Songs wie „Gotta Serve Somebody“, hier in einer grandiosen Aufnahme aus Bad Segeberg vertreten, oder das hinreißende Lied „Covenant Woman“, bei dem Dylan beweist, dass er an diesem Tag in diesen fünf Minuten in Santa Monica wirklich der beste Sänger der Welt ist. Kein Witz, so hat ihn der „Rolling Stone“ tatsächlich genannt, als man ihm dort trotz seines Jesusfimmels noch wohlgesonnen war. Als dann später „Shot Of Love“ (Ein Schuss Liebe) erschien, war aber auch das Fachblatt mit den Nerven am Ende. „Jetzt ist Schluss“, lautete die Kritik.

Und nun fängt es wieder an. Man kann (fast) ohne jede Übertreibung behaupten, dass die Ausgrabung der Gospelsongs eine Offenbarung ist. Gar nicht wegen der bislang unbekannten Stücke, von denen nur das bluesig grummelnde „Making a Liar Out Of Me“ heraussticht. Es sind die so geschmähten Songs der christlichen Alben, die eine späte Rehabilitation erfahren, erfahren müssen.

Das liegt darin begründet, dass Bob Dylan mit den Aufnahmen so wahrgenommen wird, wie er sich selbst sieht, als Performing Artist, darbietender Künstler. Wenn man heute die Konzerte von 1979 hört, bei denen erstmals die christlichen Lieder – und eben nur diese – auf dem Programm standen, dann ist man verblüfft, was für eine große Musik das eigentlich ist. Begleitet von einer der besten Bands, die er je hatte, inklusive Orgel, Klavier und Gospeldamen, spielt er hitzigen und heiligen schwarzen Rock. Beängstigend und beglückend. Die Studioaufnahme von „Saved“ (Gerettet) wenig später mit denselben Liedern war dagegen ein Stück totes Vinyl. Plastikmüll, wenn man so will.

Das hatte Dylan selbst natürlich auch bemerkt, und aus diesem Grund insistierte er schon damals bei seiner Plattenfirma CBS auf ein Livealbum. Die hatten dort aber erst einmal genug von dem christlichen Zeug und zogen sich auf eine Vertragsklausel zurück, die es ihrem Klienten nicht erlaubte, mehr als ein Album pro Jahr zu veröffentlichen. Trotzdem ließ Bob Dylan 1980 eine Show in Toronto mitschneiden und filmen. Die Bänder verschwanden im Giftschrank, was natürlich nicht hieß, dass sie keiner je hörte. Seit Ewigkeiten kursieren Raubkopien im Netz, nun endlich gibt es alles offiziell und in guter Qualität. Schade nur, dass Dylans Predigten herausgeschnitten wurden, und auch die Solovorstellungen seiner fünf Backgroundsängerinnen fehlen.

Vor dem Abspann der DVD mit Konzertausschnitten gibt es indes eine kleine Preziose. Bob Dylan, wie er dort sehr eng an seine Vokalistin Clydie King geschmiegt, am Klavier das Kirchenlied „Abraham, Martin and John“ vorträgt. Mit ihr hat er dann gleich noch ein ganzes Album in diesem Stil aufgenommen, das bisher ebenfalls nicht veröffentlicht wurde. Und dabei bleibt es erst mal. Auch wenn das ein schöner Schluss für „Trouble No More“ gewesen wäre. Aber der Schluss ist ja nicht das Ende. Die Schliemänner werden weiter im Dylan-Steinbruch graben.

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