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In einem Klanggebirge

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Von: Bernhard Uske

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Das hr-Sinfonieorchester hat eine Sternstunde mit Charilaos Perpessas’ „Christus-Sinfonie“

Singulär war der jüngste Auftritt des hr-Sinfonieorchesters in der Alten Oper Frankfurt, wo eine „Christus-Sinfonie“ auf dem Programm stand. Ein Solitär aus den späten 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, von einem Komponisten, dessen Name Charilaos Perpessas genauso unbekannt ist wie seine Schöpfung, von der es, bis auf eine historische Klangfolie im Internet, keinen Tonträger gibt.

Das wird sich dank der Leistung des hr-Sinfonieorchesters und seines Gastdirigenten Constantinos Carydis hoffentlich ändern. Ein unerhörter Vorgang wäre da zu bewundern, denn das gut 30-minütige, groß besetzte Werk ist ein Klanggebirge bizarrer Tektonik, eklektizistischer Materialität und berauschender Farbigkeit. Eine musikalische Vision der Johannes-Apokalypse in Mischungen metaphorischer und illustrativer Gestaltung, dieses in steilen und heftigen Klangzügen.

1995 starb Perpessas, der griechischstämmige, gebürtige Leipziger, der bis 1933 in Deutschland, danach in Griechenland und zuletzt von 1948 an in den USA lebte, im Alter von 88 Jahren. Der Schönberg-Schüler hat von seinem Lehrer offensichtlich mehr die Energie und Unbedingtheit der kompositorischen Haltung als die Formalia einer Tonsetzungsmethode übernommen, denn das tonale Gerüst seines Werks und dessen sprachmächtige Füllung war weit von aller zwölftönigen Regularität entfernt.

Hier ist eine Klangwirklichkeit entstanden, die sich in unmittelbarer Energie umsetzt. Ein packender, vollgriffiger Auftritt, der sich von destruktiven Ballungen und rhythmischen Monotonien über das weltlich’ Getümmel greller Turbulenz bis zu erratischer, hymnischer Emphase erstreckt. Es war eine Sternstunde des Orchesters und eine seines begnadeten Dirigenten.

Trabanten des sinfonischen Zentralgestirns waren Maurice Ravel („Shéhérazade“), Carl Nielsen (Schauspielmusik zu „Aladdin“) und Arvo Pärt („Psalom“). Alle drei Repräsentanten einer Umwertung des Avantgardebegriffs, wie ihn Schönberg einst mit dem Schlagwort von der Emanzipation der Dissonanz begründete. Seit deren Erschöpfung zeigt die Emanzipation der Konsonanz deren Potential, für dessen Virulenz nicht zuletzt dieser Abend stand.

Fesselnde Verkörperung

Pärts strenger Dreiklang-Konstruktivismus, Nielsens nur von Charles Ives überbotene illustrative Polyzentrik sowie Ravels fluide und taktile Regungs- und Erregungsrhetorik. In deren Klangäther war Hanna-Elisabeth Müllers Auftritt mit ihrer volltönenden und biegsamen Stimme sowohl akustisch als auch optisch eine fesselnde Verkörperung. Vermag die Sopranistin doch gewissermaßen auch mit den Augen zu singen: Multisensualität – Ravel wie auf den Leib geschneidert.

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