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Martha Reeves.
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Martha Reeves.

Martha Reeves

In den Straßen tanzen

  • VonPhilipp Kause
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Martha Reeves, vor kurzem 80 geworden, kann von einer wechselvollen Karriere als schwarze Sängerin berichten.

Wenn jemand bezeugen kann, wie alt das Thema rassistischer Polizeigewalt und des Widerstands dagegen ist, dann Martha Reeves. Mit ihrer Gruppe Vandellas wird sie einst überrascht: Als die Organisatoren von Demos sich ihr „Dancing in the Street“ als Hymne über die Unruhen auf Detroits Straßen aneignen. Martha Reeves, in den Sixties ein Star, ist seit kurzem 80, würde aber gern noch immer die Bühnen der Welt erklimmen. Die Pandemie kam ihr dazwischen. Eine Reihe von Hits hat sie zu bieten, von „Quicksand“ bis „Jimmy Mack“. Sie war eine der ersten, die jenen spezifischen Motor-City-Sound aus Michigan in die Welt hinaus trugen. „Inoffiziell bin ich eine Botschafterin Detroits, wie eine Beamte“, sagte sie 2005 rückblickend. Vor ihr standen nur wenige afroamerikanische Entertainerinnen in der ersten Reihe. Die Vandellas aber schafften es in TV-Shows mit großer Reichweite.

Reeves stammt aus einer so kinderreichen wie Musik liebenden Familie. „Die Welt, in die ich hineingeboren wurde, war von Musik erfüllt“, so die Künstlerin. Zehn Geschwister zählt sie, acht jüngere, von denen zwei später in der Gruppe mitmachen. Mama sang im Kirchenchor, Papa spielte Gitarre. Der Großvater: Prediger in Detroit. Während des Zweiten Weltkriegs zieht die Familie aus den Südstaaten dorthin. Marthas Milieu ist derweil die Kirche.

Ihre Ausdrucksform wird der Doo-Wop-Acappella-Stil, in den sie sich verliebt. An der Highschool erhält sie Gesangsunterricht. Zwei spätere Kolleginnen haben den gleichen Lehrer: Florence und Mary von den Supremes. Die Vandellas von ihnen (und Martha Reeves von Diana Ross) abzugrenzen wird später zum schwierigen Thema im Hause Motown.

Das Soul-Label: 1960 gleicht die Unternehmensgründung einem Abenteuer, das in den Kinderstars The Jackson 5 gipfelt. Martha verpasst ihr erstes Vorsingen, weil sie Dienstag und Donnerstag verwechselt. Fürs Büro engagiert man die musikbegeisterte junge Frau dennoch. Sie erstellt Gehaltsabrechnungen am Hauptsitz am West Grand Boulevard. Und hinterfragt, wo das Geld bei Motown hinfließt, womit sie sich rasch Feinde macht.

Nachdem die Lead-Vokalistin der Gruppe The Del-Phis einen Tritt vom CEO bekommt, klebt der Boss einen neuen Namen auf die Gruppe, macht Reeves zur Frontfrau. Ihre trällernde, vibrierende Stimme sticht heraus.

Drei Dekaden später: Der Film „Sister Act“ beleuchtet Gospel-Soul sowohl im Spelunken- als auch im Klosterkontext. Ein Schlüsselmoment, als Whoopi Goldberg „Heat Wave“ singt. Für Martha Reeves veredeln 1963 die Funk Brothers den Track – die Band Marvin Gayes. Ein Riesenhit, ein Sommersong, der Liebe und Hitzewelle gleichsetzt. Zuletzt sampeln die Rapper People Under The Stairs die Nummer in einem Stück über den Klimawandel. Einst war „Heat Wave“ Reeves’ Durchbruch, wenige Tage vor ihrem 22. Geburtstag.

Genau ein Jahr später folgt mit „Dancing in the Street“ eigentlich ein Lied über die spritzige Abkühlung mit Wasser aus Hydranten. An dem ihr vorgelegten Song aus der Feder von Gaye und Micky Stevenson hat Reeves einiges auszusetzen: Zu repetitiv, langweilig! So dass ein neuer Auftragskomponist nachbessert. Dass Vokalisten und gar Frauen wagen, sich in die zu singenden Nummern einzumischen: Ein Novum in dieser Sphäre der Hitfabriken.

In derselben Phase entsteht „Jimmy Mack“ und schlummert dann drei Jahre in der Schublade. Die Plattenfirma verschmäht die Einspielung zunächst: Zu ähnlich den Supremes! Trotzdem: Keine typische Liebesschnulze – eine Frau vermisst ihren Ex-Liebhaber, hofft, er möge zurückkehren. 1967 beherrscht dann der Vietnamkrieg die Zeit, mit Sehnsucht von Müttern und Partnerinnen nach der Heimkehr ihrer Söhne und Geliebten. „Jimmy Mack“ trifft den Nerv und wird in der veralteten Mono-Abmischung zum Hit. Wieder sorgt die Überdeutung eines Textes für Erfolg.

Nach dem Album „Watchout!“ bröseln die Vandellas auseinander. Marthas Schwestern Lois und Delphine ersetzen die ausscheidenden Mitstreiterinnen, Motown nutzt für die Folgeplatten dreist alte Aufnahmen mit Background Vocals der Geschassten. Das Showbiz zeigt sich rabiat und gnadenlos. Martha wird mit 26 Jahren schmerzmittelabhängig.

Trotz Unterstützung von Valerie Simpson und Nickolas Ashford, dem großartigen Songwriter-Paar der Hit-Schmiede, floppt „Sugar’n’Spice“ 1969. Solo-LPs bei anderen Firmen knüpfen die ganzen 70er hindurch nicht ansatzweise an den Erfolg an. Sie verlässt die Musik. „Es gibt Zeiten im Showbiz, da arbeitest du so viel, dass du dem Nervenzusammenbruch nah bist“, so die Sängerin, „und Phasen, in denen du gar keinen Auftrag bekommst.“ Einen Tantiemenstreit mit Motown entscheidet Reeves 1991 nach zähem Ringen für sich, muss die Details aber geheimhalten.

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