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Yafim Bronfman (l.) mit Yuri Temirkanov in der Alten Oper.

Alte Oper

Aus dem Imperium der Dirigenten

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Ein russisches Programm mit den St. Petersburger Philharmonikern in der Alten Oper Frankfurt.

Nachdem Gennady Rozhdestvensky dieses Jahr im Alter von 87 Jahren gestorben ist, sind Wladimir Fedossejew (86) und Yuri Temirkanov (80) die letzten großen Namen aus dem einstigen Dirigenten- Imperium der UdSSR. Mit seinen St. Petersburger Philharmonikern (vormals Leningrader Philharmoniker) war Temirkanov Gast in den Sonntagabendkonzerten der Alten Oper, wo ein rein russisches Programm geboten wurde. Beginnend mit den farbenprächtigen Schmuckformen, die Nikolai Rimsky-Korsakow als Wiedergeburten und Umformulierungen russischer Volksklangkunst kreiert hat. Eine Suite aus der Oper „Die Legende der unsichtbaren Stadt Kitesch“ (1902) zeigte deren neo-folkloristische Artifizialität dank der Petersburger Musiker weniger in impressionistischer Perspektive als vielmehr in volksverbundener Verwurzelung.

Wunderbar ausgebildet erklangen die folkloristischen Kerne in sublimer Emphase. 10 Jahre später war der Klangkosmos in Sergej Prokofjews 2. Klavierkonzert von ganz anderer Couleur. Herbere, metallischere Oberfläche, motorischere Peilung, aber doch auch hier gefasst in einer schmuckhaften, ornamentalen Verfassung. Härteres Gleißen, extrem gekörnte Faktur und hochgepeitschte Virtuosität.

Die Paradoxie von Ziselierung mit Wucht wird nicht nur in der mörderischen Kadenz des ersten Satzes auf die Spitze getrieben. Bei Yefim Bronfman war man sicher, dass Ausdauer und Energie, gepaart mit einer locker und lakonisch bleibenden Haltung, das Wesentliche erfassen kann. Es gibt große Darstellungen dieses Werks, die einen melodiöseren, ja schmelzenden Aspekt zu entwickeln vermögen, ohne der Sache Gewalt anzutun. Aber die Ausschlachtung aller strebenden und konternden Kräfte im Klangleib des Soloparts war bei Bronfman, auch was nötige Zurückhaltung anbelangt, in besten Händen. Versteht sich, dass Temirkanov den oft nur begleitenden und untersockelnden Part des Tuttis perfekt in Szene setzte. Bei aller russophonen Typik: nichts dröhnte, nichts war hämmernde Leistungsschau.

Das galt besonders beeindruckend für die Aufführung von Peter Tschaikowskys 6. Sinfonie. Temirkanov hatte einen Zugriff auf das in den letzten Dekaden bei uns in den Rang einer Herzschmerz-Betroffenheitsorgie geratenen Werks, die auf schönste Weise abschwellend und blutstillend wirkte. Aufgehoben war die Abschnittsdramaturgie mit ihren verdickten Ausdrucksmustern. Als wären alle Phrasenendungen verkürzt und spielten fließend ineinander, dabei schöne „Tristan“-Assoziationen hier und da offerierend.

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