+
Joan Baez in Frankfurts Alter Oper.

Joan Baez

Sie ist immer noch eine Mahnerin

  • schließen

Die große Joan Baez auf Abschiedstournee in der Alten Oper.

Auf der Bühne steht: Geschichte. Wenn jemand verdient hat, „Ikone“ genannt zu werden, dann Joan Baez. 1969 erzählte sie in Woodstock vom „großartigen Hungerstreik“ ihres damaligen Ehemannes gegen den Vietnam-Krieg. Da hatte sie schon zehn Jahre Karriere hinter sich, hatte Songs von Bob Dylan (mit dem sie liiert war) bekannt gemacht und beim Civil Rights March in Washington „We Shall Overcome“ gesungen, bei dem Martin Luther King seine „I Have A Dream“-Rede hielt.

Jetzt ist Baez 78 Jahre alt und auf ausverkaufter Abschiedstournee. Baez hat viel Dylan im Programm, von „Don’t Think Twice, It’s All Right“ über „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ bis, als letzte, inbrünstig mitgesungene Zugabe, „Blowing In the Wind“. Auf Deutsch singt sie in der Alten Oper „Der Mond ist aufgegangen“, Bettina Wegeners „Sind so kleine Hände“ und „Sag mir, wo die Blumen sind“.

Auch „Donna Donna“ hat sie dabei, Donovans „Catch the Wind“, Kris Kristoffersons „Me and Bobby McGee“ und überhaupt das halbe „Best of 60ies“-Liederbuch, dazu unter anderem zwei Tom-Waits-Songs, Violetta Parras „Gracias a la Vida“ und ihr eigenes „Diamonds and Rust“. Begleitet wird sie von Dirk Powell, der von Klavier zu Mandoline zu Banjo zu Bass zu Geige wechselt, und von ihrem Sohn Gabriel an meist diskreten Percussions. Grace Stumberg liefert bei einigen Nummern vokale Unterstützung.

Baez’ einst so reiner Sopran ist nachgedunkelt, das tut ihm gut. In die einstigen Höhen wagt sie sich nicht, und wenn es in die Richtung geht, hört man, dass dort der Druck weg ist, aber auch die manchmal schneidende Schärfe. Dafür haben die Tiefen an Charakter noch hinzugewonnen, sind leicht angeraut, und die Power ist noch da.

Politisch schlägt Baez den Bogen aus den 60ern ins Heute. Den 1915 hingerichteten Arbeiterführer „Joe Hill“ hat sie ebenso im Programm wie „Another World“ von Antony and the Johnsons über die Zerstörung des Planeten. Im Opener „The Times They Are A-Changing“ klingen die Zeilen „Don’t criticize / What you can’t understand / Your sons and your daughters / Are beyond your command“, als seien sie auf die freitäglichen Schülerdemos für den Klimaschutz gemünzt.

Woodie Guthrie besang 1948 in „Deportee“ mexikanische Migranten – Baez nutzt die Gelegenheit, den aktuellen US-Präsidenten in seinem Mauerwahn für „krank“ und „gefährlich“ zu erklären. Wo ihre eigenen Sympathien liegen, zeigt Baez mit Zoe Mulfords „The President Sang Amazing Grace“ über die Geste Barack Obamas für die Opfer des rassistischen Anschlags von Charleston.

Ihr Publikum weiß sie hinter sich. Im Refrain von „Imagine“ singt sie „we are dreamers“, im Plural, und richtet den Appell, sich anzuschließen, nicht wie John Lennon an „you“, sondern an „they“ – also an alle außerhalb der Alten Oper.

Das Publikum hat Joan Baez mit Standing Ovations in der Alten Oper begrüßt und will sie zuletzt kaum gehen lassen. Wer weiß, ob man sich wiedersieht: Es ist das vorerst letzte Deutschland-Konzert der Abschiedstournee. Dylans „Farewell, Angelina“ bekommt eine melancholische Färbung: „Farewell, Angelina, the sky is erupting, I must go where it’s quiet“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion