Frankfurt

Illusionsfrei vergnügt

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Verhinderte Hits, ungewöhnliche Herzenswärme: Britta in der Brotfabrik.

Zwanzig Jahre nach der Gründung und zwölf Jahre nach der Veröffentlichung ihres letzten Studioalbums sind Britta wieder unterwegs, mit einem „Best of“-Album und einer ebensolchen Tour. Das sind zum größten Teil verhinderte Hits, vom Popradio skandalös vernachlässigt, aber doch im Ohr geblieben. Britta, die sich nie getrennt hatten, aber in der Zwischenzeit bloß sporadisch auftraten, haben eine annähernd abendfüllende Menge davon zu bieten.

„Kuschelriot“ nannten sie ihre Musik anfangs. Ein pointierter Begriff, den das junge, gleichfalls weiblich geprägte Augsburger Trio Zimt, das das Konzert in der Frankfurter Brotfabrik eröffnete, vermutlich auch nicht von sich weisen würde. Muntere Reime und glasklare Worte um Gefühlsdinge, mit Schrammelgitarre und analogem Synthesizer – ein einnehmend frischer DIY-Pop ohne Retromuff, in Übernahme der Stafette von Britta.

Die sind jetzt Mitte, Ende fünfzig, was die Sängerin, Songschreiberin und Gitarristin Christiane Rösinger beim Auftakt dieser „Nostalgietour“ auch ein paar mal ironisch thematisiert. „Wir haben alle anstrengende Jobs in der IT-Branche“, sagt sie auch, gleichfalls ironisch. „Büro Büro“ heißt einer der alten Songs, aus einer Zeit, in der alle meinten, sie hätten „irgendso ein krasses Projekt“, so Rösinger, in Wahrheit hätten sie aber nix gemacht. „Alle in der IT-Branche“: Ganz so schlimm ist es nicht, aber den Titel „Project Editor“ trägt Bassistin Julie Miess tatsächlich, bei einem wissenschaftlichen Fachverlag. Rösinger unterrichtet Geflüchtete, Gitarristin Barbara Wagner hat eine Bookingagentur für Popbands gegründet. Alles im Lot soweit. Bewältigtes Leben. Am Schlagzeug sitzt seit dem Tod von Britta Neander 2004 Sebastian Vogel, der unter anderem Mitglied von Kante gewesen ist.

Von Beruf Desillusionistin. Das hat Rösinger einmal über sich selber gesagt. Über alle Werkphasen hinweg, von den jugendfrischen Lassie Singers über Britta bis zu den Soloalben zuletzt, geht es um den Stand der gesellschaftlichen Dinge, die von den privaten nicht zu trennen sind. Ungeachtet der Melancholie steht das Ich auf einem soliden Fundament aus Haltung & Humor. Nicht zuletzt geht es um den Abschied von der romantischen Liebe. Mit sich selbst ist frau ziemlich im Reinen.

Eine wunderbare, ungewöhnlich herzenswarme Wiederbegegnung mit einer der großartigsten Bands des Landes. Wie herzerfrischend ist allein der beiläufige Dialog mit einer Zuschauerin, der Rösinger erklärt, die Haltung hinter „Faible für Idioten“ (Songtitel) sei einfach falsch. Bloß nicht einlassen auf Exzentriker. „Dann noch lieber so ein anhänglicher Depp. Das ist langweiliger, aber gesünder.“

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