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Raphaela Gromes, hier beim Bewerben ihrer CD.

Operetten

„Ihm war offensichtlich zu langweilig, was es bis dahin gab“

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200 Jahre Jacques Offenbach: Raphaela Gromes über den Operettenkomponisten als Cellovirtuosen und über sein ungemein vielfältiges Werk für das Instrument, das sie auf einer CD und nun auch bei einem Konzert des Rheingau Musik Festivals vorstellt.

Frau Gromes, kennen Sie den Schauspieler Theo Lingen, wie er „Als ich noch Prinz war von Arkadien“ aus „Orpheus in der Unterwelt“ singt? Womöglich sind Sie zu jung dafür.
Tatsächlich kenne ich ihn nicht. Warum?

Abgesehen davon, dass Theo Lingen ein bisschen so aussah wie Jacques Offenbach in der berühmten Karikatur von Nadar, also mager, bleich und mit markanter Nase, schnarrt seine Stimme so, wie man sich ein Violoncello schnarrend vorstellen könnte. Irgendwie habe ich also automatisch erwartet, dass Offenbachs Cellomusik schnarrig klingt. Komisch, oder?
Ja. Hoffentlich haben Sie das dann aber bei meiner CD nicht bestätigt gefunden.

Nein, alles gut, da schnarrt nichts.
Aber diesen Theo Lingen muss ich mir jedenfalls einmal anhören.

Dann werden Sie vor dem Youtube-Clip auch ein Werbefilmchen für Ihre Offenbach-CD ansehen müssen, ganz passend.
Ich wusste gar nicht, dass Werbung für meine CD auf Youtube läuft! Wahnsinn.

Bei Offenbach hat man ja schnell Karikaturen vor Augen. Bei ihm haben die Götter im Olymp lausige Alltagsprobleme und das Militär ist ein Haufen Wirrköpfe. Bevor er aber diese Operetten schrieb, war er Cellist und hat für Cello komponiert. Sind auch seine Cellowerke launig-satirischer Natur? Oder konnte er auch ernst?
Der konnte absolut auch ernst. Viele seiner Cello-Werke haben einen ganz natürlichen, tiefen, authentischen Ausdruck. Nehmen Sie „Rêverie au bord de la mer“ oder „Les larmes de Jacqueline“: Das sind unglaublich melodiöse Stücke, die kommen direkt vom Herzen, ganz ohne Satire. Aber natürlich, bei der „Valse mélancholique“ geht es dann schon los – er hat ja angeblich täglich drei Walzer vor dem Frühstück geschrieben, als Aufwärm-Etüden: Da hört man dann schon ein Augenzwinkern. Oft hat er auch Tiere nachgemacht oder andere Instrumente. Er wollte jedenfalls nicht immer bierernst bleiben auf dem Violoncello, sondern alle Facetten dieses Instruments vorführen. Man findet eben beides bei ihm: Tiefe und Ausdruck, aber auch Witz und Charme. Ja, vor allem viel Charme.

Weiß man etwas über Offenbachs Cellospiel? Er wurde der „Liszt des Cellos“ genannt, muss also ein formidabler Virtuose gewesen sein.
Ja, er muss schon sehr früh einer der ganz großen Virtuosen auf dem Violoncello gewesen sein. Das merkt man seinen Kompositionen auch an. Ihm war offensichtlich zu langweilig, was bis dahin für das Instrument komponiert worden war. Und so hat er selbst dafür gesorgt, dass die Palette für das Cello erweitert wurde: Flageolette, Doppelgriffe, Akkorde, bis hinauf in die Violinlage. Er hat das Cello also nicht einfach gelernt, wie es damals gang und gäbe war, er hat einen ganz neuen Zugang zum Cello gefunden. Kritiker haben ihm sogar vorgeworfen, dass er alles anders machen würde, das wäre doch nicht adäquat für dieses Instrument und sehr übertrieben.

Hat man in den 1840er Jahren das Cello anders gespielt als heute? War der Stachel schon gängig unter den Solisten?
Der Stachel hat sich genau zu dieser Zeit durchgesetzt. Der belgische Cellist Adrien-François Servais hat ihn quasi erfunden und damit möglich gemacht, in hohen Oktavlagen zu spielen.

Das Vuillaume-Instrument, das Sie spielen – zur Verfügung gestellt aus privater Hand – stammt aus Paris und aus dem Jahr 1855, also genau aus Umfeld und Zeit Offenbachs. Wäre es viel zu abwegig gedacht, wenn man behaupten würde, das Instrument verlangt von Ihnen, Offenbach zu spielen?
Vielleicht – so habe ich das noch gar nicht gesehen. Ja, womöglich spielt deswegen das Cello den Offenbach so gern und schön.

Sie selbst haben mit vier Jahren das Cellospiel erlernt unter anderem anhand von Offenbachs Cours méthodique, im Grunde ist das eine Schule der Cello-Technik. Ist das so, als würde ein Klavierschüler gleich mit Bach-Inventionen beginnen?
Nein, nein, der erste Band ist dezidiert für Anfänger gedacht. Das war durchaus nicht zu hoch gegriffen damals von meiner Mutter, die ja meine erste Lehrerin war. Technisch ist das alles sehr einfach, nur erste Lage, aber musikalisch einfach sehr interessant und reizvoll. Und eben längst nicht so komplex wie eine Bach-Invention. Auch diese ganz einfachen Duos sind unglaublich charmant, so wie Offenbach selbst auch ein extrem charmanter Mensch gewesen sein muss. So wie er die Gattinnen seiner Sponsoren und Intendanten um den Finger zu wickeln verstand, verstand er auch ganz kleine Cello-Schüler zu begeistern und um den Finger zu wickeln.

Cello-Unterricht hatte die vierjährige Raphaela also bei der Mutter, während der Vater das Kostüm genäht hat, mit dem Sie auf den Kinderfasching gegangen sind, natürlich in Form eines Violoncellos. Das passt alles zusammen, oder?
Ja, das passt. Es gibt Fotos, wie wir gemeinsam auf dem Boden sitzen und das Cello-Kostüm gebastelt haben. Mein Vater war nicht nur ein toller Cellist, sondern auch als Bastler enorm kreativ. Er hat auch die Möbel bei uns zu Hause gebaut, er konnte alles.

Die Bände des Cours méthodique enden mit „Sehr schwierigen Duos für Künstler“, zwei davon spielen Sie auf Ihrer Offenbach-CD. Ist Offenbach für Sie also das, was Bach für Max Reger war: Alpha und Omega aller Musik? Anfang und Ende?
Auf keinen Fall! Denn mit meiner Musik bin ich ja noch nicht zu Ende. Allenfalls mein Studium ist jetzt zu Ende. Es war aber natürlich schon eine große Freude und auch ein Gag für mich, dass ich diese letzten Duos jetzt mit meinem letzten Lehrer Wen-Sinn Yang eingespielt habe, während ich damals die ersten Duos mit meiner ersten Lehrerin gespielt habe. Alpha und Omega meines Cello-Lernens, das mag sein, wobei man ja immer noch weiter lernt auf seinem Instrument.

Halten Sie es dann mit Reger, dass Bach das echte Alpha und Omega aller Musik ist? Immerhin hat er ja die sechs Cello-Solosuiten komponiert.
Für mich ist es eher Beethoven. Die Bach-Suiten sind natürlich eine Art Bibel für uns Cellisten, aber meine Leidenschaft ist die Kammermusik für Cello und Klavier, und wer hat die erste echte Cellosonate geschrieben? Ludwig van Beethoven. Er hat als Erster Cello und Klavier als gleichberechtigte Duopartner zusammengeführt. Oder nehmen Sie das Tripel-Konzert: Es für mich die absolute Synthese von Kammermusik und Solokonzert, im Grunde mein Lieblings-Cellokonzert.

Beim Rheingau Musik Festival spielen Sie am Mittwoch Offenbachs Fantasie für Violoncello und Orchester „Hommage à Rossini“. Das Werk haben Sie selbst wiederentdeckt. Wie kam das?
Es gibt eine Zeitungskritik darüber, dass Offenbach das Stück in Köln uraufgeführt hat. Dadurch fand es Eingang in die Annalen der Cello-Literatur. Ich stieß darauf, als ich für eine Rossini-CD recherchiert habe und dachte, Rossini und Offenbach, das muss eine tolle Kombination sein. Der Offenbach-Experte Jean-Christophe Keck aus Paris hat die Partitur für uns stückchenweise gesucht und zusammengesetzt, unter anderem bei verschiedenen Offenbach-Erben. Eigentlich wäre das gesamte Material schön komplett im Kölner Stadtarchiv zu haben gewesen, aber das ist ja 2009 eingestürzt.

Jetzt haben Sie Offenbachs Musik für Cello und Klavier durchforstet, Ihre CD ist die erste Aufnahme dieses Repertoires seit 1980, dem Jahr des 100. Todestags des Komponisten, Guido Schiefen war damals der Cellist. Ist damit das Thema „Offenbach und das Violoncello“ ultimativ aufgearbeitet?
Nein, auf keinen Fall. Wir haben viel mehr Material gefunden, da reicht eine CD nicht aus. Wir geben sozusagen einen breiten Überblick, also ein bisschen Romanze, ein bisschen Virtuosentum, ein bisschen Humor. Noch während wir aufgenommen haben, hat Jean-Christophe Keck in Paris weitere Stücke ausgegraben. Da warten noch einige Weltersteinspielungen. Diese Musik ist ja auch deswegen weitgehend verschollen, weil Offenbach gar nicht wollte, dass andere das spielen. Er hatte die Musik im Gepäck oder im Kopf, er allein hat sie gespielt und war der große Star. Das war sozusagen sein Geheimwissen.

Interview: Stefan Schickhaus

Zur Person

Raphaela Gromes, 1991 in München geboren als Tochter eines Cellisten-Ehepaars, begann als Vierjährige selbst mit dem Cellospiel. 2005 debütierte sie als Solistin des Cellokonzerts von Friedrich Gulda. Es folgten Auftritte mit den Cellokonzerten von Haydn, Dvorák, Elgar und Saint-Saëns sowie dem Tripelkonzert von Beethoven und dem Doppelkonzert von Brahms. Auch zeitgenössische, zum Teil für sie komponierte Werke zählen zu ihrem Repertoire. Im vergangenen Jahr gab sie ihr USA-Debüt mit dem Fort Worth Symphony Orchestra. Mit dem Pianisten Julian Riem arbeitet sie fest für die Kammermusik-Literatur zusammen. Auch sozial ist Raphaela Gromes engagiert. So besucht sie als musikalische Botschafterin SOS-Kinderdörfer und arbeitet in Workshops mit syrischen Flüchtlingen zusammen.

Eine CD mit Werken für Cello und Klavier von Jacques Offenbach hat sie im Mai veröffentlicht (Sonyclassical), das Album stand kurz darauf auf Platz 3 der Klassik-Charts. Beim Rheingau Musik Festival wird Raphaela Gromes am Mittwoch, 10. Juli, im Rahmen einer „Italienischen Serenade“ zu erleben sein. Sie wird Jacques Offenbachs „Hommage à Rossini“ spielen, begleitet von den Festival Strings Lucerne (20 Uhr, Kloster Eberbach, Kreuzgang).

www.rheingaufestival.de

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