1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Igor Levit und Markus Hinterhäuser in der Alten Oper: Vögel, Glocken

Erstellt:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Ein Abend für Messiaen mit Igor Levit und Markus Hinterhäuser in Frankfurt

Beim Fratopia-Festival der Alten Oper Frankfurt zeigt sich in diesen Tagen, dass das Neue ohne das Alte nicht zu haben ist, dass Kultur ein Gedächtnis haben muss und einen Sinn für zeitliche Abfolgen. Das ist ein wichtiger, wenn auch etwas aus der Mode geratener Grundsatz. Abgesehen davon wird im Programm vielerlei gemixt einerseits. Andererseits ergeben sich immer wieder packende Konstellationen.

Alles ist ganz durchlässig

Nicht neu, aber wieder neu und immer etwas Besonderes: Das Abbauen des Konzertpodiums, das Publikum sodann locker um die Mitte gruppiert, die Musikerinnen und Musiker beweglich. Das passte nun ausgezeichnet zu einem kurzen, großen Konzert, in dem es ohnehin um Durchlässigkeiten ging: Zwischen Natur und Kultur, Himmel und Erde, Krieg und Frieden, den Menschen im Barock und denen des 20. Jahrhunderts. Auf dem Programm Stücke von François Couperin und Olivier Messiaen, dazu etwas Claude Debussy, die alle Bilder hervorrufen, ohne im engen Sinne Programmmusik zu sein: von Couperins „Kriegslärm“ für immer noch schön klingende, aber zumindest rasende Cembalo bis zu Messiaens „Amen für die Erfüllung“, in dem eindeutig Glocken zu hören sind, obwohl nur zwei Klaviere zur Verfügung stehen.

Aber der Reihe nach. Die Menschen sitzen im Großen Saal, dessen Sitzreihen grundlegend umgruppiert sind. Der Saal und die Menschen werden dadurch zur stillen Kulisse, das Funktionale des Raums, die in sich ruhenden Gesichter im Halbdunkel. Ein Trio der Frankfurter Hochschule für Musik und darstellende Kunst beginnt mit kurzen Soli: Gayoung Kim ist unter anderem für die Entfesselung des Cembalos zuständig, das ein Klavier ist. Ein kurioser Mehrwert, der vorführt, wie anders Lautstärke mit einem Cembalo hergestellt wird, nämlich vor allem durch Tonlawinen. Jaume Cerdà i Martí spielt von einem Randplatz aus dann Messiaens finsteres Klarinettensolo „Abgrund der Vögel“, der ein trauriger Ort sein muss.

Unwiderstehlich schließlich Debussys berühmtes Flötensolo „Syrinx“. Johanna Keszei spielt von einem Seitenrang aus, und während die Töne langsam heruntertropfen, schleichen sich Igor Levit und Markus Hinterhäuser zu den Flügeln. Und natürlich findet sich doch jemand, der da jetzt reinklatscht, obwohl es direkt weiter- und hineingehen soll in die „Visions de l’amen“ für zwei Klaviere, einer Betrachtung und Bejahung der Schöpfung und der zu ihr gehörigen Dinge – von den Sternen über das Leiden Jesu, vom Verlangen bis zum Jüngsten Gericht, dazwischen die Engel, die Heiligen, der Vogelgesang. Man muss nicht religiös sein, um das zu hören, kristallin, feinziseliert, befremdlich.

Levit und Hinterhäuser, der Pianist und der Pianist, der außerdem die Salzburger Festspiele leitet, haben eine stille, intensive und zugleich entspannte Art, das auch als Session zu gestalten. Obwohl die beiden ihre Noten brauchen, und obwohl jede Note sitzen muss und sitzt.

Auch interessant

Kommentare