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Igor Levit im Kurhaus Wiesbaden.

Igor Levit

Igor Levit im Rheingau: Beethovens Stachel

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Wie man die kulturelle Apathie aufbricht: Pianist Igor Levit mit einem außergewöhnlichen Konzert in Wiesbaden.

Vor drei Jahren interviewte Moritz von Uslar den Pianisten Igor Levit für die Wochenzeitun „Die Zeit“. Die 30. der 32 Fragen zu Beethovens 32 Klaviersonaten lautete: „Ihre Einschätzung: Haben Beethoven-Klaviersonaten die Probleme heutiger Menschen?“ Levits Antwort: „Darf ich kurz nachdenken? Ich möchte es anders formulieren: Stellt Beethoven Fragen, die sich Menschen heute stellen? Ja. Ist Beethoven der absolute Gegenwartskomponist, der Hier-und-jetzt-Musik schreibt? Ja. Das hat mit uns zu tun. Es ist unsere Musik, es ist für uns komponiert.“

Das Beethoven-Jahr steht vor der Tür, 2020 jährt sich sein Geburtstag zum 250. Mal. Und während man dann landauf landab Beethoven auf den Olymp heben wird, will Levit ihm am liebsten seinen Stachel zurückgeben. Was er aus Beethoven heraushört, ist die Idee von Freiheit. Und der fühlt Levit sich verpflichtet. Radikal. Und im Hier und Jetzt.

Bei seinem Rheingau-Musik-Festival-Gastspiel im Wiesbadener Kurhaus gibt Levit eine Ahnung, was er damit meint. Bevor er sich ans Klavier setzt, bevor er auch nur einen einzigen Ton gespielt hat, nimmt er sich das Mikrofon, geht nach vorne an den Bühnenrand und appelliert an uns, die Freiheit zu verteidigen. Gegen die Angriffe von rechts. Gegen Hass und Hetze. Gegen die Sprachtäter, denen es immer mehr gelingt, die Grenzen zu verschieben, was wir für normal empfinden: „Wir dürfen nicht schweigen!“

Levit redet lang, 10, 15 Minuten vielleicht. Er erhält oft spontanen Applaus, doch irgendwann schlägt ihm auch Widerstand entgegen: „Aufhören. Es reicht!“, ruft eine Frau lautstark. Sofort wird sie übertönt. Es herrscht eine spannende Unruhe im Saal, die in der Konzertroutine eigentlich nicht vorgesehen ist. Levit bricht die kulturelle Apathie auf. Er weiß dabei sehr genau, dass nicht alle, die für einen Beethoven-Abend gekommen sind, sich das anhören wollen. Doch für Levit hängt das alles untrennbar zusammen.

Vier Klaviersonaten stehen auf dem Programm. Nr. 25, Nr. 12 vor der Pause, Nr. 1 und Nr. 21 danach. Auf der einen Seite läuft der Abend auf ein Ziel hin, auf die irrsinnige Waldsteinsonate op. 53, die Levit ans Ende setzt, weil danach nichts kommen kann, zumindest nicht so, wie Igor Levit sie spielt.

„Warum haut einen der Anfang der Waldstein-Sonate einfach um?“, fragte, ebenfalls im „Zeit“-Gespräch, der Interviewer. Und Levit darauf: „Weil er einfach so unglaublich geil ist. Weil er so aberwitzig abgeht. Weil er so bebt. Es ist ein Erdbeben. Herzschlag dreihundert. Es ist pures Leben.“

Levit liebt die pianistische Gratwanderung, die Zuspitzung. Selbst die erste Sonate in f-Moll op. 2, Nr. 1 – die viele gerne in die Nähe Joseph Haydns rücken – gibt er nicht nur als perlende Glückseligkeit, sondern setzt schroffe, grelle Kontraste. Die Sonate Nr. 12 op. 26, die ungewöhnlich mit einem langsamen Variationensatz beginnt, liegt bald völlig zerklüftet vor uns da.

Umgekehrt sind die Epizentren in Igor Levits Beethoven-Bild nicht die Final-, sondern die langsamen Sätze. Hier findet der Pianist eine Tiefe, die atemberaubend ist. In der Waldstein kommt die Musik förmlich zum Stehen, nur lose noch hängen die Töne aneinander – und schauen in den Abgrund hinein. Wer will, kann auch das als eine Gegenwartsdiagnose lesen.

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