Igor Levit in der Alten Oper. Michaela Brosi/Proarte
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Igor Levit in der Alten Oper.

Igor Levit

Igor Levit: Rauf auf die dritte, vierte Ebene

  • vonBernhard Uske
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Mit unglaublicher Verdichtung: Der Pianist Igor Levit in Frankfurts Alter Oper.

Eigentlich waren es alles Werke aus zweiter Hand, die Igor Levit beim Pro Arte-Konzert in der Alten Oper Frankfurt präsentierte. Bearbeitungen, Paraphrasen, Transkriptionen, deren Inspirationsquelle außerhalb je eigener Schöpferkraft liegt. Selbst für die letzte Komposition von Robert Schumann, die sogenannten „Geistervariationen“ in Es-Dur, konnte das gelten, hatte doch der sich allmählich in die geistige Umnachtung verabschiedende Komponist das Choral-Thema bei seinen vielen Geisterscheinungen nächtens von einem Engel singen hören.

Ein Engel als Schumannianer

Einem echten Schumannianer offensichtlich, so typisch für den romantischen Ton war das Thema, das Levit in einer Mischung aus Nüchternheit und Intensität auf die Variationenlaufbahn schickte. Weniger beflissen und romantisch-kommunikabel als es andere tun, aber in seiner kantigeren, verhalteneren Art doch sehr bemerkenswert. Besonders die letzte Variation, nach des Komponisten Sprung in den Rhein entstanden: eine sachte, leicht manisch wirkende Tonbewegung im gänzlich abgeflachten Choral-Profil.

Begonnen hatte der Abend im Großen Saal mit der von Johannes Brahms verfassten d-Moll-Chaconne Johann Sebastian Bachs für Violine Solo „für Klavier, linke Hand“. Eine fünffingrige performative Verbeugung des Bach-Bewunderers vor dem Entstehen dieses Töne-Kosmos allein durch die vier Finger eines Geigers. Seine freie Rechte nutzte Levit zu einer Art agogischem Schattenspiel gleich einem Selbstdirigat.

Ferruccio Busoni durfte bei einem so höchstwertigen „secondhand evening“ nicht fehlen: „Fantasie nach Johann Sebastian Bach“ war ein Epitaph des 1866 geborenen Musikers für seinen 1909 verstorbenen Vater mit einem sphärisch und impressiv klingenden Schmuckrahmen, in dem große Choralbearbeitungs-Varianten wie Einschlüsse sich präsentierten. Fragil und sinnend bot der Pianist die Rahmenform mit der eher fest genommenen, gleichzeitigen Choral-Sachlichkeit.

Der größte Zweitverwerter der Musikgeschichte ist Franz Liszt gewesen, dessen Appetit auf sekundäre musikalische Nährstoffe unersättlich war. Sinfonien und Opern, Lieder, das gregorianische Liber usualis, folkloristische Tatbestände, Märsche, Hymnen. Auch der „Parsifal“ des Schwiegersohns kam dem mittlerweile zum Diakon geweihten Schwiegervater Wagners gelegen; namentlich die Grals-Szenerie, wo Levit besonders viel Wert auf die Elevations-Musik legte: ungemein leicht und pointiert verhüllt gegebene Tonaufstiege, die sich im Finalwerk des Abends stellenweise weiterentwickeln konnten. Hier war die dritte, ja vierte Ebene von Töne-Verwertung erreicht.

Schließlich ein Choral aus Giacomo Meyerbeers Oper „Der Prophet“, von Franz Liszt zu einem gigantischen, vierzigminütigen, dreisätzigen Werk für Orgel („Ad nos, ad salutarem undam“) ausgearbeitet, das vom Komponisten selber dann für vier Hände und zwei Klaviere transkribiert und schließlich wiederum von Busoni 1897 auf eine Tastatur und zwei Hände re-konzentriert wurde. Eine unglaubliche Verdichtung, die Levit in ihren Extremen zwischen subtilster Versenkung und rasanter, manchmal auch nur rasender Härte in allen Graden der Artikulation, die ihm zu Gebote stehen, ausformulierte.

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