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Beim Pro-Arte-Konzert in der Alten Oper: Pianist Igor Levit, das Pittsburgh Symphony Orchestra und Dirigent Manfred Honeck.  

Alte Oper Frankfurt

Igor Levit und das Pittsburgh Symphony Orchestra in Frankfurt

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Schostakowitsch und Rachmaninow, durchgefeilt dargeboten von Manfred Honeck, den Pittsburghern und Igor Levit in der Alten Oper.

Töne sind weder katholisch noch kommunistisch, wie einmal der Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger sagte. Und so haben Werke, bei denen man genau zu wissen meint, was die Töne sagen wollen, ein paradoxes Moment. Unter Leid und Todesgefahr habe Dmitri Schostakowitsch seine 5. Sinfonie nach der sowjetischen Kritik geschrieben, liest man immer im Programmheft, um dann zu hören, wie der Jubel des Publikums tost. Der wirkt wie die nachträgliche Berechtigung für das Produkt, das der Künstler dann ablieferte. Ist die finale Dreiton-Treppe – immer schwerer, donnernder und strahlender – aber nun eine Parodie auf den Großen Diktator im Osten oder konventionelle „per aspera ad astra“-Dramaturgie? Oder Bruttoregistertonnen-Ästhetik in D-Dur und sinfonische Quoten-Akustik? Jedenfalls war auch beim Pro-Arte-Gastspiel des Pittsburgh Symphony Orchestra in der Alten Oper Frankfurt die Akklamation nach dem hörsturzgefährdenden vierten Satz der „Fünften“ von Schostakowitsch grenzenlos.

Eigentlich hätte man jubeln müssen nach dem langsamen, dritten Satz, einer der grauwertig daherkommenden Endlosigkeiten des Meisters. Aber subtiles Artikulieren, zartes Bewegen der Streicherflächen im Verein mit den wie Erweckungsrufe wirkenden Holzbläser-Signalen wischten das völlig weg. Vorher und auch zuletzt hatte Dirigent Manfred Honeck keine Gelegenheit versäumt, alles Harte härter und alles Eckige kantiger zu machen. Wenngleich da schon ein Ton à la Gustav Mahler aufgefallen war, der dem gebürtigen Österreicher Honeck, der seit elf Jahren das Orchester aus Pittsburgh leitet, nicht fern sein dürfte. Das Largo war ein ins Offene gestellter transzendenz-affiner Klangraum nach Art des österreichischen Weltschmerzlers, der wie in Schostakowitschs Kargheit übertragen wirkte.

Phänomenal, wie das Orchesters zwischen Brutalismus und hauchender Klanggebung zu changieren wusste. Wovon zu Beginn bereits ein „Larghetto for Orchestra“ des Schotten James MacMillan von 2017 zeugte. Dass hier im getragenen, fließenden Duktus ein religiöser Tatbestand gegenwärtig war, legte gregorianisch geprägte Motivbildung nahe. Dass es ein „Miserere“ aus den katholischen Trauermetten der Karwoche ist, klärte erst das Programmheft.

Des Solisten Jüngstes Gericht

Die konzertante Mitte präsentierte Igor Levit in der „Rhapsodie über ein Thema von Paganini für Klavier und Orchester“ Sergei Rachmaninows: glasklar, messerscharf, hochsublim und minutiös ausartikuliert. Und rasend, wo nötig. Der Ohrwurm der a-Moll-Caprice und die bekannte Dies-Irae-Sequenz der gregorianischen Totenmesse variativ vereint: Bei Rachmaninow war die Tonbedeutung ohne jeden Kommentar evident. Das Teuflische an der Virtuosität ist des Solisten Jüngstes Gericht.

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