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Igor Levit & Orchestre de Paris: Wogender Tränensee

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Von: Bernhard Uske

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Igor Levit, Manfred Honeck und das Orchester in der Alten Oper.
Igor Levit, Manfred Honeck und das Orchester in der Alten Oper. © Ansgar Klostermann

Das Orchestre de Paris mit Igor Levit in der Alten Oper Frankfurt.

Ein beziehungsreiches Programm bot das Orchestre de Paris mit seinem Gastspiel bei Pro Arte in der Alten Oper. Spiele und Konstrukte mit und aus Idiomen, Klangmodellen, Satztypen und Gattungsgrößen bildeten den roten Faden. Zwei der Werke hatten die Gestalt von Konzerten: das eine für Klavier und Orchester von George Gershwin (Concerto in F von 1925), das andere ohne ein benennbares Soloinstrument von Bela Bartok (Konzert für Orchester von 1943). Das Warming-up stellte ein Poème choréographique von Maurice Ravel dar (La Valse von 1919). Manfred Honeck leitete den Abend und schuf mit der ihm eigenen engagierten und sensiblen Klangführung, die sich perfekt mit rhythmischem und tektonischem Gespür verbindet, großartige Erfahrungsmöglichkeiten.

Die waren bei Ravels Walzer-Kaleidoskopie nicht so gravierend expressionistisch und desaströs getrimmt, wie es bei deutschen Interpretationen gerne geschieht, sondern schufen eher eine Szenerie filmischer Schnitte, Aufblendungen, Naheinstellungen, Beschleunigungen und Totalen – ein atmosphärisches Setting wie mit der subjektiven Kamera aufgezeichnet. Recht herb im Tutti, aber mit feinen Detailbeobachtungen.

Bei Gershwin bildete das Orchester im ersten Satz ein recht lautes und hartes Klangbild, das gut zum geradlinigen Spiel Igor Levits passte, der weniger in schweifenden und swingenden Klangzügen, sondern in punktgenauem Ton sich präsentierte. Perfekt und ausgesprochen schnell.

Beim Konzert für Orchester kam die Klasse des Orchestre de Paris dann vollumfänglich zur Geltung. Unerhört plastisch, in raffinierter Klangfarblichkeit und -haptik wurde der späte Bartok hörbar in einer in diesem Ausmaß vielgestaltiger und charakteristischer Klangfiguren selten zu erlebenden Üppigkeit. Die Beziehungen zum heimatlichen Klang-Kosmos, zu den neuen, jazzartigen Momenten des US-amerikanischen Exils, die choralhafte Erhebung, der wogende Tränensee aus „Herzog Blaubarts Burg“ – alles in artistischer Vollendung von gleißender Streicherhelle bis zu sonorer Tiefe. Mit pointierten Holzbläsern und blech-schlagwerklicher Präzision.

Das Dankeschön des Orchesters für die Begeisterung des Publikums war der finale Walzeraufschwung aus dem „Rosenkavalier“ von Richard Strauss, als die Marschallin von der „Weaner Maskerad‘“ spricht. Was mit Ravels Valse eine sinnreiche deutsch-französische Walzermasken-Allianz bildete.

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