Frankfurt

Die Idee einer neuen Weltmusik

  • schließen

Lasst uns spielen: Khruangbin aus Houston im ausverkauften Gibson.

Diese Musik hat keinen bestimmten Ort. Sie ist nirgends zu Hause. Khruangbin, thailändisch für Flugzeug, nennt sich dieses seltsame, ungewöhnliche Trio aus Houston, Texas. Am Anfang, so erzählt es die Legende, standen lange Fahrten durch leere Wüsten. Dabei hörten der Gitarrist Mark Speer und der Schlagzeuger Donald DJ Johnson, die sich in einer Gospelband kennengelernt hatten, obskure Thai-Funk-Kassetten aus den sechziger und siebziger Jahren.

Der zugleich ferne wie doch auch vertraute Sound, der ja im Grunde ein exotischer Reflex auf uramerikanische Musik war, ließ die beiden nicht mehr los. Zu ihnen stieß die fantastische Bassistin Laura Lee. Gemeinsam entwickelten sie die Idee einer neuen Weltmusik, wenn dieses uralte, abgehangene Wort heute überhaupt noch eine Bedeutung haben kann. Alles ist hier möglich. Dub, Psychedelic Rock, Surf, Funk, Soul, HipHop, Retroriffs, Idiome und Soundfetzen des mittleren Ostens und der Karibik. Die Musik in ihrer Geschichte und in all ihren lokalen und regionalen Ausfransungen liegt da wie ein Steinbruch, also lasst uns damit spielen.

„Con Todo El Mundo“ (Mit der ganzen Welt) heißt ihr zweites Album, das in keiner relevanten Jahresbestenliste 2018 fehlen durfte. Das Gibson an der Zeil ist deshalb auch lange schon ausverkauft, den Status des Geheimtipps haben Khruangbin schnell übersprungen. Die Musik selbst ist hoch assoziativ und vollkommen eigen, man muss sie sich am besten wie ein instrumentales Ballett vorstellen. Sie folgt einer kunstvollen Dramaturgie, einem genau getakteten Ineinander musikalischer Gesten und Bewegungen. Da ist der Puls vom Schlagzeug, unbeirrbar, unbestechlich wie ein Metronom, aber doch auch immer atmend. Dazu der Bass, elegant, kühl, völlig runtergebremst, und doch auch irrsinnig sexy, man muss nur einen Song wie „Dern Kala“ hören und dabei die Augen schließen.

Über allem die Gitarre Mark Speers. Tänzer, Sänger, Erzähler in einem. Und das ohne ein Wort zu sagen, eine Zeile zu singen oder seine Hüfte besonders zu bewegen. In seinem Spiel liegt tatsächlich eine ganze Welt verborgen. Ein Gitarrengott mit passender Frisur, ein tiefenentspannter Machomuckertyp, also eigentlich ein Paradox, aber in diesem genauso seltsamen wie unendlichen Khruangbin-Kosmos fügt sich alles zusammen. Ein wunderbarer Sonntagabend.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion